Birgit Jürgenssen

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MY HOUSE IS YOUR HOUSE...

MY HOUSE IS YOUR HOUSE...

Galerie Hubert Winter RAUM I, Wien

27/05/99 – 19/06/99

MY HOUSE IS YOUR HOUSE...

Marcia Hafif, Gordon Matta-Clark, Peter Weibel, Fred Sandback, Richard Ross, Lawrence Weiner, Vito Acconci, Herwig Kempinger, Guillaume Bijl, Ian Hamilton Finlay, Roland Traunbauer, Herbert Fidler, Klaus Dieter Zimmer, Michaela Math, Carl Pruscha, Christy Astuy, Mary Ellen Carroll, Anna Jermolaewa, Birgit Jürgenssen, Rudi Molacek, Britta Albegger, Hilmar Bjarnason, Charlotte Geresch, Markus Hammer, Lisa Holzer, Andrea Pesendorfer und Sibylle Zeh, Franz Vana

 

Die Frage des Hauses als Be-Hausung hat im historischen Augenblick der Kosovo-Krise wieder an dramatischer Aktualität gewonnen.

Gab es auch in der Gegenwart Tendenzen, die Relevanz des Ortes, die Bedeutung einer gebauten festen Be-Hausung zu relativieren, und dem Nomadentum im postmodernen Zeitalter der Informationsgesellschaft das Wort zu reden, so stellt sich Angesichts der Vertreibung der Menschen aus ihren Häusern und Orten im ehemaligen Jugoslawien die Frage nach der Bedeutung des Heims auf neue Weise.

Flüchtlinge auf der Flucht, die höchstens in Zelten vorübergehend innehalten können, beraubt ihrer Möglichkeit, ihr Leben zu organisieren, zeigen, daß das Heim, sei es ein abgeschlossenes „Zimmer für sich“ (Virginia Woolf), sei es eine Wohnung, ein Haus, immer noch das Zentrum der sozialen Organisation des Subjekts ist.

Es tankt dort nicht nur Schlaf sondern es bildet das Basislager für seine täglichen Expeditionen in die oft feindliche Welt. Das Heim ist Archiv, Depot, Studio, bevorzugtester Freizeitort, Informationsort, Lebensort - das backbone der gesamten sozialen Existenz. Die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler versuchen auf vielfältigste Weise und in allen Medien die individuellen und sozialen Funktionen des Heims im Wechsel zwischen den eigenen und den fremden Ansprüchen darzustellen. Hierbei wird unter dem Prinzip der Gastfreundschaft dem Heim eine andere Rolle zugewiesen als die historisch- bürgerliche. Die Künstler sprechen ja nicht von „Eigenheimen“.

Die Philosophie der Gastfreundschaft von Pierre Klossowski, den die Galerie 1985 in einer Einzelausstellung in Wien zeigte, liefert den Horizont für eine radikal zeitgenössische Auffassung des Heimes, welche die eigenen Ansprüche relativiert und die Ansprüche Anderer emanzipiert. Dieses Modell als eine Ethik des  Anderen ist gerade jetzt von besonderer Relevanz, die am Beispiel des Heims äußerst präzise abgehandelt werden kann. „my house is your house, your house is my house“  bildet die Voraussetzung dafür, daß sich der zweite Teil dieser Maxime „if you shit on the floor, it gets on your feet“ (Lawrence Weiner) nicht erfüllt.

Friedrich  Ingels