Birgit Jürgenssen

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Die andere Seite

Agnes Husslein-Arco, Edelbert Köb, Thomas Mießgang (Hrsg.)

Die andere Seite

Spiegel und Spiegelungen in der zeitgenössischen Kunst

Mit der Ausstellung Die andere Seite - Spiegel und Spiegelungen in der zeitgenössi­schen Kunst beleuchtet das Belvedere unter­schiedliche ästhe­ti­sche und symboli­sche Aspekte der reflektierenden Fläche. Diese hat traditionell – von der Antike bis heute – kunst- und kulturge­schichtliche Bedeu­tung. So repräsentierte der Spiegel in antiken Kulturen das Abbild der Seele, er stand in der Kunst des europäi­schen Mittelalters sowohl für Keuschheit, Vergänglichkeit, Sinnesfreude als auch für Putzsucht und war im Barock ein Symbol der Vanitas. Er gilt als Medium der Selbstwahrneh­mung, als Gerät der narzissti­schen Selbstver­doppelung sowie als Kultge­gen­stand magi­scher Beschwörung übersinn­li­cher Kräfte. Seine metaphori­schen Bedeu­tungen sind vielfältig und widersprüc­hlich. In der zeitgenössi­schen Kunst hat die Beliebt­heit des Spiegels viele Ursa­chen: So bringt er in einer zunehmend säku­laren Zeit die Ebenen der Tran­szen­denz und der Magie ins Spiel, er betont auch jenen Aspekt der narzissti­schen Selbst­überhöhung, der in einer medi­alen Umgebung von Casting­shows, Model-Wettbewerben und Talk­runden zu einer gesellschaftli­chen Leit­idee wurde. Die Märchenfrage Spieg­lein, Spieg­lein an der Wand, wer ist die/der Schönste im ganzen Land? wird im Rahmen ebendieser TV-Formate täglich neu gestellt – gewissermaßen als Wiederauflage des baro­cken Vanitas-Motivs.

Im 20. Jahrhundert emanzi­pierte sich der Spiegel vom Objekt der Darstellung zum Mate­rial sowie zum Gegen­stand der Kunst selbst. Er wird sowohl Trägermedium als auch Kris­talli­sati­ons­punkt philosophi­scher und psycho­logi­scher Ausein­andersetzung.
Heimo Zobernigs zerbro­chene und blinde Spiegel nehmen ihm die Illusi­ons­funktion und machen ihn einfach zu Mate­rial, während Michelangelo Pistolettos Mixed-Media-Arbeiten reale Spiegel mit Malerei oder Skulptur verknüpfen und so den jeweiligen Betrachter aktuell in den Bild­inhalt einbeziehen. Die Spiegelikonografie erhielt nicht zuletzt durch die Medien Foto, Video und Film neue Facetten. So unterziehen beispielsweise Cindy ShermansUnti­tled Film Stills die Konstruktion von eskapisti­schen Schein­universen durch die Traumfabrik Hollywood einer ironi­schen Revision, lässt Jean Cocteau Jean Marais durch den Spiegel in ein Parallel­universum treten. Douglas Gordon dagegen thematisiert den Spiegel als Requisit der Ichkon­struktion. Er loopt die berühmte Szene aus Martin Scorseses Film Taxi Driver, in der Robert de Niro ein Alter Ego als knallharter Killer aufbaut.

Die Ausstellung Die andere Seite - Spiegel und Spiegelungen in der zeitgenössi­schen Kunst zeigt Skulptur, Installation, Fotografie, Video und Film, u. a. von John Armleder, Pierre Bismuth, Jean Cocteau, Elmgreen & Dragset, Isa Genzken, Douglas Gordon, Joan Jonas, Birgit Jürgenssen, Elke Silvia Krystufek, Bruno Peinado, Michelangelo Pistoletto, Gerold Tagwerker, Franz West, Erwin Wurm und Heimo Zobernig.