Birgit Jürgenssen

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Susanne Rohringer

Susanne Rohringer

Das gezeigte Wort

in: Artmagazine, 25. January

Die Galerie Hubert Winter beginnt das Jahr 2017 mit einem Tribut an die früh verstorbene österrei­chi­sche Künst­lerin Birgit Jürgenssen (1949-2003)

Hubert Winter, der jedes Jahr mit einer Ausstellung an die Ausnah­mekünst­lerin erin­nert, zeigt heuer unter dem Titel „Ungese­henes“ Arbeiten aus dem Nach­lass von Jürgenssen. Vom Guardian als „bril­lant verstörend“ bezeichnet, unter­strei­chen diese Werke erneut die handwerk­liche Präzision der Künst­lerin, sowie ihre Fähigkeit weibliche Verhältnisse tref­fend auf den Punkt zu bringen.

Zu sehen sind Aquarelle vom Ende der 70er Jahre, etwa die mit wenigen Pinselstri­chen umrissene Frau, zu deren Füßen ein Tier kauert. An den Extremitäten verjüngen sich Tier und Mensch und scheinen sich in der Unendlichkeit des (Papier)raums zu treffen und aufzulösen. Es ist die Traut­heit von Mensch und Tier beziehungs­weise Bestie, die den Betrachter rührt.

Neben den frühen Aquarellen sind auch aquarellierte Bewegungs­studien von weibli­chen Körpern aus den 1980er Jahren zu sehen. Mit wenigen Kohlestri­chen skizziert, trägt der menschliche Körper einen Fisch als Kopf und scheint sich hin und her zu werfen. Die Art der Darstellung ist ein Kind ihrer Zeit und erin­nert auch an Skizzen- und „Bilderbüc­her“ von Günter Brus.

Neben den erstaunli­chen Aquarellen sei hier auch auf die pointierten künst­leri­schen Aussagen von Birgit Jürgenssen verwiesen, da sie sehr prägnant Gedanken in Kunst gießen konnte. So auch bei „Augenlinie direkt“ von 1978. Ein Lot hängt in einem Eisengerüst, darüber ist schräg ein Spiegel montiert. Blickt man in den Spiegel, wird die Reflexion des Auges durch eine Glasplatte an das Ende des Lots über­tragen, in dem ein Graphit­stift steckt. Jede Augen- und Lidbewegung wird somit graphisch verfolgt und auf ein Blatt Papier unter dem Lot über­tragen. Jürgenssen hat damit einen Kontrol­lapparat für weibliche Blicke entworfen. Jeder „Augen­blick“ wird vermessen und dokumentiert.

Solch schaurige Instrumente, die an das grausame Element in Jürgens­sens Schuh­apparaten oder an die Erzählung „In der Strafkolonie“ von Franz Kafka erinnern, sind in manchen Fotografien, die auch in dieser Ausstellung zu sehen sind, nicht zu finden.
Im Gegen­teil: Da ist eine Foto­serie von 1996 zu sehen, in der sich die Künst­lerin vor einem verdeckten, aber lichten Fenster mit nacktem Oberkörper selbst fotografierte. Durch den Durch­bruch des gedämpften Lichts und den schwarz beschatteten Körper mit seinen unter­schiedli­chen Bewegungen, strahlen diese Fotos eine intime Poetik aus.
Die fotografi­sche Bega­bung von Jürgenssen wird mit weiteren Arbeiten in der Ausstellung gewürdigt. Hier sei aber auf eine Zusammenschau von unter­schiedli­chen Stilmit­teln verwiesen, die Jürgenssen gekonnt einsetzen konnte.

So sind bei Hubert Winter auch kleine Collagen zu sehen, in denen Jürgenssen kleine Frau­en­köpfe auf Folie malte, mehrere Folien über­ein­ander schich­tete und noch mit zwei Polaroids kombi­nierte. Die Art und Zusammen­stellung der Collage und die dabei angewandeten Tech­niken offenbaren die Kunst­fertigkeit der Schöpferin dieser Miniaturen.

Die „ungese­henen“ Arbeiten von Birgit Jürgenssen, mit ihrer künst­leri­schen Viel­seitigkeit, zeigen einmal mehr was in diesem zu kurzen Künst­ler­leben alles an Bega­bung ange­legt war.