Birgit Jürgenssen

Deutsch
Christian Huther

Christian Huther

Ich

in: Kunstforum Band 240, 2016

Ryan Gander ist ein schlechter Maler – behauptet er jeden­falls. Ein Jahr lang hat er Tag für ein Selbstporträt gemalt, aber danach alle 365 Bilder zerstört. Ob beide Aussagen – vom mise­ra­blen Maler und der Zerstörung der Bilder – überhaupt stimmen, ist freilich nicht nach­prüfbar. Der Brite hat offenbar nur die 31 Glaspaletten aufbewahrt, die ihm im Mai 2012 zum Mischen und Probieren der Farben dienten. So kann sich der Betrachter nun lediglich anhand der Farbreste und Pinselstriche ein ziemlich vages Bild von den 31 Porträts machen. Auch der weitere Rundgang durch die Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunst­halle wird den Besu­cher irri­tieren, bekommt er doch kaum ein Künst­le­rantlitz zu sehen.  

Die Schau heißt lapidar ICH, geschrieben in Großbuchstaben, die jedoch mit einer zarten Linie durch­ge­stri­chen sind, als gäbe es das Subjekt nicht mehr. Dessen nahes Ende wurde oft von Philosophen beschworen, erst im Maschinen-, dann im Computer-Zeit­alter. Tatsächlich belegen die rund 40 Werke aus den 60er-Jahren bis heute die Suche der zeitgenössi­schen Künstler nach dem eigenen Ich, das sie nur schemenhaft aufblitzen lassen. Freilich ist das über 500 Jahre alte Genre der künst­leri­schen Selbstbespiegelung nicht erst seit Facebook, Twitter, Photo­shop, Selfie & Co. in einer tiefen Krise.  

Das Handy hat zwar zu einer „Renais­sance des Selbstbildes“ geführt, wie Schirn-Direktor Max Hollein konstatiert, aber nur im Alltag der meisten Menschen mit den Selfies. Die Künstler indes spielen, mal wieder, nicht mit. Sie entziehen und verwei­gern sich dem Massenphänomen der Selbst­in­sze­nierung, suchen nach anderen Ideen des Abbildes. Sie verste­cken sich, wollen auf Distanz zum Betrachter bleiben. Authentisch zu sein heißt offensichtlich für Künstler, sich partout nicht zu zeigen. Begonnen hat diese Verwei­gerungs­hal­tung bereits in den 60er-Jahren, „als die Malerfürsten vom Sockel gestürzt wurden“, meint Kuratorin Martina Wein­hart. Nach dem Ende des Geniekultes fand sich der Künstler auf Augenhöhe mit dem Betrachter wieder und erprobte fortan alle Arten der Selbstdar­stellung, er unternahm quasi einen „Bilder­sturm aufs eigene Ich“, so Wein­hart, die vor rund 15 Jahren über das „Selbstbild ohne Selbst“ promoviert hat.  

Dieser Bruch ist gut dokumentiert in einem Seitenkabinett, einer Zeitkapsel der 60er- und 70er-Jahre, wo Robert Morris’ „Brain Portrait“ von 1963 hängt, eine Messung der elektri­schen Ströme seines Gehirns. Dieses Elektroen­zepha­logramm ist im strengen Sinne ein Selbstbildnis, da es Morris’ Innenleben zeigt, der sich nach eigener Aussage bei der Untersu­chung ganz auf sich selbst konzen­trierte. Doch die grauen Zickzackli­nien auf weißem Papier bringen uns nicht das Wesen des Künst­lers näher, wie es norma­lerweise die Gesichtszüge eines gemalten oder gezeichneten Porträts verraten.  

Ein feines ironi­sches Spiel mit dem eigenen Ich hat der US-Konzeptkünstler Morris vor mehr als 50 Jahren betrieben, ähnlich wie die damals aufkommende Body-Art. Friede­rike Pezold etwa formte 1973 mit den Händen ihre Brüste in verschiedenste Stellungen; ein witziges Spiel, dessen frau­enbewegt-emanzipatori­scher Akt heute kaum noch bemerkt wird. Birgit Jürgenssen hingegen ließ sich 1975 mit bloßem Rücken fotografieren (ph16) , auf dem der doppel­deutige Satz stand: „Jeder hat seine eigene Ansicht“. Die schon damals gras­sierende Verwei­gerungs­hal­tung wird auch sichtbar an Arnulf Rainers „Face Colo­ration“ von 1969, einer farbigen Übermalung seines überdimensio­nalen Porträtfotos. So ist Rainers Antlitz nur noch an Augenbrauen, Nase, Ohren und Haaren zu erahnen.  

Dieses Versteck­spiel vor dem eigenen Ich setzt sich bis heute in etli­chen Vari­anten und Spiel­arten fort, mit Ausnahme der figürli­chen Maler wie Johannes Grützke oder Michael Triegel. Aber die blendet die Schau aus und stellt nur Künstler vor, die das Porträt trick­reich umspielen. So ist das Ich in dieser Schau fast immer ein anderer – wer könnte das humorvoller zeigen als Erwin Wurm? Der „Scherzkeks der Gegenwarts­kunst“, so Wein­hart, hat 36 Gurken aus Acyrl einzeln auf Podeste gestellt. Und diese Gurken unter­scheiden sich in Größe und Form erheblich vonein­ander, wie jedes Individuum auch.  

Jona­than Monk hingegen ist noch relativ nahe am traditionellen Abbild. Der Abguss seines Kopfes ähnelt einer antiken Büste, nur die Nase fehlt. Die hat der Künstler freilich eigenhändig abge­schlagen, wie auf dem Titel­schild zu lesen ist. Das klas­si­sche Selbstporträt ist tot, will Monk sagen. Schräg gegenüber hat Abraham Cruzvillegas 148 Papiere an die Wand gepinnt, von Rech­nungen über Fahrkarten bis zu Postkarten. Wenn man sie studieren würde, könnte man einiges über den mexikani­schen Künstler und seine Lebens­weise erfahren. Doch Cruzvillegas hat alles hell­grün übermalt, er will offenbar nichts von sich preisgeben. Die zeitgenössi­schen Künstler lassen an die Stelle des Selbstbildnisses allerlei Statt­halter treten, vom Gehirnbild bis zur Zettel­sammlung. Und Jack Pierson schickt in einer angebli­chen Selbst­proträt-Serie viele Männer vor die Kamera, er selbst kneift aber.  

Das Werk ist wichtiger als die dahinter stehende Person, lautet die unmissverständliche Botschaft. Das gilt wohl auch für Sarah Lucas. Sie hat sich auf einem Riesenei porträtiert und stellte dabei ihre Stiefel geschickt vor den eigenen Kopf. Mit dieser trotzigen Geste tritt sie dem Betrachter fast ins Gesicht – offenbar will die Britin einfach nur ihre Art von Kunst machen, ohne sich dabei zeigen zu müssen. Noch radikaler, aber weniger aggressiv ist Alicja Kwade. Sie hat alle 22 chemi­schen Elemente des menschli­chen Körpers in Glasmapullen gefüllt und sauber aufge­reiht, vom Kohlen­stoff bis zum Alumi­nium. Der Mensch ist nur eine Ansammlung seiner Bestand­teile, lautet Kwades nücht­ernes Fazit.  

Mit derlei kriti­schen oder ironi­schen Beiträgen umgeht die Schau klug die gras­sierende Selfie-Mode, erliegt ihr am Ende aber doch mit dem „digi­talen Fußabdruck“ von Florian Meisenberg. Der lässt uns jede Aktion an seinem Smartphone live miter­leben, vom Online-Einkauf bis zum Telefonat – ein gläs­ernes Selbstbild, das niemand will.