Birgit Jürgenssen

Deutsch
Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Schuh mit Eigenleben

In: Wiener Zeitung Online, 08.09.2015.

Wer mit der neuen Sammlungs­präsentation einen Parcours durch die neuere Kunst­ge­schichte erwartet, wird in "Flirting With Strangers" von Überra­schungen gestoppt werden. Zwar ist es ohnehin nicht mehr üblich, objektive Krite­rien von Ankauf und Ausstellung in Museen der Gegenwarts­kunst errei­chen zu wollen wie in der klas­si­schen Moderne, der subjektive Aspekt wird von den Kura­toren Luisa Ziaja und Severin Dünser also nicht abge­stritten. Sie berufen sich in ihrer Auswahl von Altbeständen und Neuankäufen - Letztere immerhin 1511 Expo­nate seit 2007- auf die Theorie Jean Baudrillards, der dem Bild (Kunst­werk) eine eigenständige Existenz zubil­ligt, wobei die Missbil­ligung des Realen in der "tägli­chen Prosa der Gegenstände" mit "unbewusster und triumphaler Unterhal­tung" zusammenkommen dürfen. Spieleri­sche Note bedeutet aber nicht spaßige; die Schau hat durchaus logi­sche Reihen und Gegenüber­stellungen, obwohl keine zwin­genden Themenfolgen und vor allem keine zeitli­chen Linien vorherr­schen.

Eigene Assoziationen
Statt linearer Entwicklung sind wiederkeh­rende Wege und Formge­schichte wie jene der Abstraktion, die Erweiterung des Skulpturenbegriffs und Mischungen neuer Medien wichtig. Das Publikum muss seine eigenen Assoziationen ausloten, aber auch sein Denken einbringen, denn es wech­selt hier der Blick von österrei­chisch und westlich in die globale Geografie. Dieser ist gegenwärtig nicht zu leugnen, doch kann ein postkoloniales Statement wie Lisl Pongers "Indian(er) Jones" mit heutiger femi­nisti­scher Insti­tuti­ons­kritik im Video Nathalie Kogers, "Was ausge­stellt wird", und dem Kommunikati­ons­möbel von Irene Hohen­büchler auch zufällig auf Oswald Oberhubers Objekt "Kunst ohne Künstler" treffen. Die Werke müssen auch nicht inhaltlich verschmelzen wie Rudolf Polan­szkys aktionisti­sches "Sitzbild mit fotografi­schen Illus­trationen." Das Performative ist neben Videos in Fotografien einer Birgit Jür­genssen, Zeich­nungen und Fotos von Erwin Wurm oder Jacob Lena Knebel präsent und wird bei der Eröff­nung von Heinrich Dunst als selbstver­fremdender Rück­blick auf die Wiener Gruppe insze­niert.

Die "Anker in die Vergan­genheit" lassen mit dem Haus lange verbun­dene Werke und eine anonyme romani­sche Fuchsfigur neben dem sprin­genden Pferd eines Herbert Boeckl, einer Kuhherde und der "Gottes­anbeterin" von wenig bekannten Wotruba-Schülern mit Oskar Kokoschkas Tigerlöwen, Peter Koglers Ameisen, den Spielzeugparaphrasen von Gelatin und Salva­tore Vivianos Teddy "Call Me Maybe" von 2015 auftreten. Eigenleben können auch Schuhe, Stühle und Tische in dieser Schau vom Foto bis zur Installation entwickeln, dabei ist Esin Turan neben Kurt Hüpfners "Frau Lot" oderHans Kupelwiesers "Bar" neben der tragbaren Raucherzone von Sarah Lucas zu erwähnen.

Unkonventionelle Hängung
Ein gelun­genes Display aus Resten vorhergehender Präsentationen ist keine künst­leri­sche Intervention, sondern auch Konzept der Kura­toren und wie ihre Hängung und Positionierung durchaus unkonventionell: Da blickt jetzt Bruno Gironcolis "Gelbe Madonna" zwischen Kornähren und Klomu­scheln als Scho­ckobjekt der 1970er mit Flora Neuwirth und Sonja Leimer in den Schweizergarten oder die "Robots" Kiki Kogelniks von 1965 schweben neben Walter Obholzer und Christian Mayer. Zeitlos wird ein Prozess von Ideen sichtbar und Gesichter wie Rahmen oder die geometri­sche Seite der Abstraktion werden Streifzügen unterzogen. Die Auflösung des Subjekts bei Elisabeth Penker oder Nick Oberthaler ist dabei völlig anders als das auslau­fende Plastilin­ge­sicht der Gelatin-Mona-Lisa oder die Selbstver­doppelungen von Maria Lassnig oder Elke Krystufek. Fragmen­tarisch und nur ange­rissen bleibt alles, was gesagt wird - auch "Platzhalter" (Sonia Leimer), Zäune wie Gerold Tagwerkers "Fencing_orange#2" oder Rose­marie Trockels Zwitter­wesen "On A Clear Day You Can See Forever II" beenden den Garten der Konstellationen nicht willkürlich. Ein Tiergarten, zumin­dest in Anna Jermolaewas humoriger Fotofolge "Good Times, Bad Times" von der alten Uhr am Wiener Westbahnhof mit Tauben. Dass sie sich dabei sehr politisch mit den Machtverhältnissen solcher Orte des Ankommens als Flüchtling aus Russ­land 1989 ausein­andersetzt, passt zum Tagesge­schehen. Roland Goeschls "Kleine Formation" gibt der Erinnerung an seine große skulptu­rale "Aufschüt­tung" des 20er Hauses an der Fassade in den späten 1960er Jahren freien Lauf. Der freie Sammlungs­ein­blick ist erfri­schend.