Birgit Jürgenssen

Irene Bazinger

Irene Bazinger

Eine Frauenquote in der Kunst hatte sie nie nötig

In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.2.2011.

Als sich mit nacktem Fleisch noch provozieren ließ: In Wien sind Birgit Jürgens­sens Körperbilder zu sehen.

Wien, Anfang Februar 
Bekannt wurde Birgit Jürgenssen durch ihren Objektzyklus "Schuh­werk", in dem sie sich über mehrere Jahre hinweg mit der typisch weibli­chen Fußbekleidung als fetisch eroti­scher wie sozialer Zuschreibungen ausein­andersetzte. So entstanden ein flei­schig rosa­farbener "Schwangerer Schuh" (s7) mit einem Fötus auf der Kappe, ein "Netter Raubvogel­schuh" (s9) aus schwarz schimmernden Federn mit einer Hühn­erkralle als Absatz oder ein "Brot­schuh" (s8) aus Leder, Brotkrumen und Speck. Ihr Konzept, Ideo­logie visuell dingfest zu machen und durch die überspitzte Sichtbarkeit zu entlarven, ging mit verblüf­fender Leichtigkeit und mit anste­ckendem Witz auf. Aber da sie nicht ewig "Die mit den Schuhen" sein wollte, war damit 1976 nach einem Environment in der Nürnberger Kunst­halle endgültig Schluss.
Warum ihr der Erfolg zu Lebzeiten hartnäckig verwehrt blieb? Vielleicht, weil sie für die femi­nisti­sche Avant­garde, der Jürgenssen (1949 bis 2003) zuge­rechnet werden kann, mitunter zu selb­st­ironisch und unor­thodox gewesen sein mag, und für den herkömmli­chen Kunst­betrieb zu femi­nistisch und radikal. Deshalb ist es wirk­lich ein Glücksfall, dass ihr nun das Wiener Bank Austria Kunst­forum in Koope­ration mit der Sammlung Verbund postum eine erste Retro­spektive gewidmet hat. Rund 250 Werke geben einen überwältigenden Eindruck vom abenteuerli­chen Kosmos einer klugen zeitkri­ti­schen Diagnostikerin, die ihre prekäre Position als bildende Künst­lerin zum Ausgangspunkt für ein ästhe­tisch-politi­sches Oeuvre wählte, dessen Originalität, Qualität und progressives Potential lange nicht anerkannt wurden. Der Bogen, den die schön und großzügig gestaltete Ausstellung schlägt, reicht von der Diplom­arbeit "Ohne Titel (Zipfel)" (1971), in der sie unter anderem ein Häufchen verschieden­farbiger, mit Kunst­dünger behandelter Seidenstrümpfe wie abge­schnittene Penisse unter einer Art Käse­glocke präsentierte, bis zu späten fotografi­schen Arbeiten. In der Wahl ihrer Ausdrucksmittel war Birgit Jürgenssen, die ihren Vornamen in der Schulzeit schon einmal mit "Bicasso" angab, stets außeror­dentlich variabel und experimentier­freudig: Zeich­nungen, Objekte, Fotografien, Fotogramme, Druckgrafiken, Skulpturen, Videos, performative Körperkunst. Ihre Themen freilich hatte sie bald gefunden: Geschlecht­erzu­ordnungen, Rollenkli­schees, alle mögli­chen Gratwande­rungen zwischen Polaritäten wie Mann und Frau, Liebe und Sexualität, Mensch und Tier, Mensch und Natur, außen und innen.
Mit respekt­losem Galgenhumor und der Lust an der Demaskierung patriarchaler Herrschaftsverhältnisse nutzte sie die Wahrneh­mungs­stra­tegien des Femi­nismus, der Psychoanalyse und des Surrealismus, um Alltagsbeobach­tungen, Erinnerungen, Sprachfetzen, zumal die "Missverständnisse des Alltags" zu verdichten und in diskursiven wie magi­schen Meta­morphosen die Entität des menschli­chen Körpers über die determi­nierenden Iden­ti­tätsgrenzen hinaus zu erweitern.
Dazu zählt zum Beispiel die Fotografie "Ohne Titel (Selbst mit Fell­chen)" (ph679) (1974/77), in der Birgit Jürgenssen über dem Gesicht ein Fuchsfell trägt, das mit ihrem Haar verschmilzt und ihre Augen lasziv-gefährlich ersetzt. Darunter ist ihr rot geschminkter, kokett gespitzter Mund zu sehen, der durch die abge­senkte Kame­r­a­perspektive den Eindruck von Verführung und Domi­nanz noch verstärkt. Der Körper ist in einem ornamental gemus­terten Stoff gewickelt, was der absonderli­chen Hybridge­stalt einen unerwartet häusli­chen Bezug verleiht. Wie sich hier Mensch und Tier ergänzen, auflösen und amüsant auf den Zusammenhang von Pelz, Frau, Sexualität verweisen, so andern­orts Mensch und Objekt in dem Fotodiptychon "Hausfrauen-Küchen­schürze" (ph1578) (1975), in dem die Künst­lerin einen Herd mit zwei Kochplatten um den Hals trägt, aus dessen Backfach phallisch ein Brotlaib hervorragt.
Oft inte­grierte sie Schrift in ihre Arbeiten, ob sie im Stil einer Elfriede Jelinek Redens­arten wörtlich nahm oder Worte durch den semanti­schen Fleisch­wolf trieb, wie in "Lieb, Beil, Lied, Leid" (z365) (um 1986) auf einer Kohle/Wachs­zeich­nung. "Jeder hat seine eigene Ansicht" (ph16) steht auf einem weibli­chen Rücken (1975), und "Ich möchte hier raus!" (ph17)(1976) auf einer Glastür, hinter der sich Jürgenssen als adrette Hausfrau mit verzweifelter Miene dem Betrachter zuwendet, in dessen Blick­rich­tung der Satz geschrieben ist. Neben dem witzigen Charme und der künst­leri­schen Souve­ränität ist es das, was die famose Wiener Ausstellung dem Werk Birgit Jürgens­sens abschaut: die noble Aufforde­rung, sich ein eigenes Bild zu machen und unter dem Schein auch das nackte Sein und die unge­schützte Haut zu erkennen.