Birgit Jürgenssen

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Christa Benzer

Christa Benzer

Weiblichkeit ist eine Konstruktion

in: Der Standard. Galerienspiegel, 16.1.2014, S. 30.

"Das Alphabet der Birgit Jürgenssen": Jedes Jahr widmet die Galerie Winter der österrei­chi­schen Künst­lerin (1949-2003) eine Ausstellung - Heuer präsentiert man eine Auswahl ihrer frühen Sprachbilder.

Wien - Das Wort Hauch steht auf einer beschla­genen Fens­ter­scheibe. Birgit Jürgenssen schrieb es mit Fingern auf das zuvor angehauchte Glas. Die poeti­sche Arbeit gehört zu einer Reihe aus den 1970er-Jahren, in der die Künst­lerin (1949-2003) mit Sprache und Schrift zu experimentieren begann und die nun in der Galerie Winter zu sehen ist.

Während Jürgenssen das Wort LUCID mit dem Bild eines Seidenstoffs präsentierte, um es so sinnlich erfahrbar zu machen, hat sie den Begriff "Beileid" als Anagramm bzw. Palindrom lesbar gemacht: "Lieb" liest man etwa, aber auch "Leib", "Beil" oder "Leid".

Eine andere, bekann­tere Arbeit zeigt die Künst­lerin selbst, die sich immer wieder mit Einschreibungen in den (weibli­chen) Körper befasste: Im Foto stellt sie die Buchstaben des Wortes "Frau" nach. Elisabeth Bronfen schrieb dazu, Jürgenssen stelle darin "Weiblichkeit" als ein durch die Montage von Bildern und Texten erzeugtes Konstrukt aus.

Fast gänzlich unbeschrieben ist dagegen eine Serie von Lithografien (um 1970), die man bislang noch nie gezeigt hat: In die oberen Bilde­cken hat die Künst­lerin jeweils einen einzelnen Buchstaben des Alphabets gesetzt. Darunter befinden sich stark abstrahierte Köpfe, die Jürgenssen statt mit individuellen Gesichtern mit ganz unter­schiedli­chen, prothe­sen­artigen Masken - u. a. wusche­ligen Bommeln (g14b), aber auch streng festgezurrten Gurten - versehen hat.

Mit den Buchstaben sind diese zwar nur schwer in Verbindung zu bringen, aber sie erinnern sofort an ein Selbstporträt Jürgens­sens von 1974/77: Darauf hat die Künst­lerin mit einem Fell vor den Augen die misogyne Formel "Frau ist gleich Körper ist gleich Tier" auf den Punkt gebracht.

Dass das Verhältnis von Bild und Schrift für sie von Anfang an Relevanz besaß, zeigen außerdem um das Jahr 1970 entstan­dene Zeich­nungen: Die damals 21-Jährige übersetzte darauf verschiedenste Redens­arten (u. a. "Dem steht das Wasser bis zum Hals") zwar allzu direkt; rück­bli­ckend kündigten die seltsamen Szenen aber an, dass das Surreale in ihrem Werk sehr wichtig werden würde.