Birgit Jürgenssen

Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Birgit Jürgenssen - Schuhwerk. Der Schuh kann beißen, lachen, klagen

In: Wiener Zeitung, 06.04.2004

Unter den femi­nisti­schen Künst­le­rinnen der letzten vier Jahrzehnte war Birgit Jürgenssen (1949-2003) hier in Österreich die auf sensible Art subversivste; ihr feiner, aber scharfer Witz über­trägt sich ungebro­chen von den Expo­naten auf die Betrachter. Der Umgang mit dem Medium Bunt­stiftzeich­nung in Korre­spon­denz zu fragilen Objekten ist unglaublich subtil, die Details zeigen eine Meis­terschaft der versteckten Perfektion.
Der Künst­lerin ist nun endlich nach ihrem frühen Tod in dieser Stadt in der MAK Galerie bis 6.Juni die Ausstellung Schuh­werk. Subversive Aspects of Femi­nism gewidmet; bleibt zu hoffen, dass es bald noch umfang­rei­chere gibt. Jürgens­sens Umgang mit der Mode und verschiedensten Mate­rialien, die zum Thema Schuh oft gar nicht geeignet erscheinen, spiegelt eine kurze, aber inten­sive Ausein­andersetzung mit einer Vari­ante der Pop-Art in Österreich wider... Die teils fein­gliedrigen Schuhobjekte mutieren zu Architekturen, Möbel­stü­cken (Fußbetten (s13)) und anatomi­schen wie in die Natur zurückwach­senden Memento-mori Stillleben ('Netter Raubvogel­schuh'(s9)). Die Serie erscheint obsessiv und besonders schöne Exemplare getra­gener Schuhpaare kommen in einer Nischen­ge­stal­tung à la Marken­ware als Ergänzung dazu. Die Objekte hat sie nur zum Teil für kurze performative Auftritte vor dem Fotografen (oder der Fotografin) an die Füße geschnallt, aber auch„High Heels“ unter den Hintern platziert (ph1658) und ihn so zur Ferse verfremdet.

Neben dem Sprach­witz ist auch der Schuh als Käfig, Zwangskorsett ('Stiefelknecht' (z417) ),Büstenhalter (z420) undRiemchenmaske (z406) , als Prin­zessinnenpantoffel (z418) (wer würde nicht gerne unter diesen Pantoffeln stehen?) zu finden. In der Zeich­nung kann der gespitzte Absatz auch zum Penis werden (z419), doch passiert dies in einer Ästhetik, die kaum zu überbieten ist. So wird selbst der große Schuhsessel (s15) ein sinnli­ches Sehvergnügen zwischen ihrer Gratwande­rung von Frau­enleben und Kunst, die sie bissig kommentiert.