Birgit Jürgenssen

Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Eine Nachtfrau mit schwarzem Honig - Die Galerie Winter in Wien-Neubau zeigt Werke von Birgit Jürgenssen

In: Wiener Zeitung, 29.12.2006.

Fotografi­sche Tech­niken und die Zeich­nungen waren Schwerpunkte im Werk der 2003 früh verstorbenen Künst­lerin Birgit Jürgenssen, die auch durch ihre Objekte 'Schuhsessel' (s15) von 1974 und 'Küchen­schürze' (s51) von 1975 längst internatio­nalen Ruf hat. Um ihren Stel­lenwert in Österreich klarer zu positionieren zeigt die Galerie Hubert Winter Fotos, Rayogramme, Polaroids und Solargrafiken aus diesen Jahren.

Kein leichtes Unterfangen, diese erste Schau nach ihrem Tod, denn die Künst­lerin hatte klare Konzepte und kombi­natori­sche Hängungen für jede ihrer Ausstellungen. 
Die Vorwegnahme der Genderdebatte aus den USA wird hier ebenso deutlich wie Parallelen in der Arbeits­weise durch Selbst-Insze­nierungen bei Cindy Sherman oder femi­nisti­schen Themen einer Rose­marie Trockel. Jedoch zeichnet sich Jürgenssen schon durch den Eigensinn, mehrere Medien zu bespielen, Übergänge zu suchen und zu finden, ganz besonders aus. Das war in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Wien noch nicht als Ausstellungs­präsentation möglich, weshalb sie Foto und Zeich­nung mit Hilfe eines Epidi­askops verband.
Ihre zahlrei­chen Tech­niken von Polaroids über Rayogramme bis zur Solargrafien führten durch zusätzliche Überlappungen zum heute noch aktuellen Diskurs zwischen Malerei und Fotografie. Verführ­erisch lüftet sie dabei manchen Schleier, um mit kühnem Kalkül Einblicke zu gestatten - an anderer Stelle nützt sie die Metapher des Verhüllens und trotzdem kann der Schalk hinter der Maske sichtbar werden.
Span­nend sind ihre Selbst­analysen ab dem Alter von 17 Jahren, die statt öffentli­chen Performances eroti­sche Manipu­lationen und soziale Konno­tationen offen legen. Mit Selbs­tauslöser entzog sie sich vor dem Badezim­merspiegel der Macht eines männli­chen Blickwinkels (ph673). Während des 'Schönma­chens' und anderer Alltäglichkeiten insze­nierte sie sich mit Klei­dern, Fellen und manch tieri­schem Toten­schädel. Doppel­projektion ist wie das Schattenbild auf der eigenen Haut Hinweis darauf, das Ihr die unsichtbaren Beziehungen zwischen den Dingen und zum Betrachter wesentlich sind, als traumhafte Anspielung und nicht nur als sichtbarer Fetisch.
'Ich hinterlasse Spuren auf dem Fotopa­pier', sagte sie über diese oft nur wie ein Hauch, flüchtig wie Träume, anmutenden wichtigen Arbeiten, die sich gerade durch jene nächtli­chen Metaphern von ihren Kolleginnen so stark unter­scheiden.