Birgit Jürgenssen

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Teresa Koester

Teresa Koester

Die Suche nach der weiblichen Identität

in: Schirnmag. 31. März

Viel­schichtig und ironisch sind die Arbeiten der österrei­chi­schen Künst­lerin Birgit Jürgenssen, die sich Zeit ihres Lebens mit der Rolle der Frau ausein­andergesetzt hat. (ph16)

In gera­den, groß­zü­gi­gen Linien formen sich diese Worte auf dem Rücken von Birgit Jürgens­sen zu einem einpräg­sa­men, doppel­sin­ni­gen Satz zusam­men, der allzu beispiel­haft für das Werk der öster­rei­chi­­schen Künst­le­rin steht: Jeder Mensch hat seine eigene Sicht­weise, aber auch seine eigene Erschei­­nung. Und selbst diese entste­hen nicht einzig aus sich heraus, nicht ohne jeden frem­den Einfluss.

Viel­mehr – und hier findet nicht nur ihre Foto­gra­fie von 1975, sondern auch das lebens­­lange künst­le­ri­­sche Fragen und Hinter­fra­gen von Jürgens­sen ihren Mittel­punkt – mögen wir zwar selbst­stän­dig denkende Menschen sein. Doch immer sind es Gesell­schaft und Erzie­hung, sind es unsere Mitmen­­schen, die unser Denken, unser Sein und Erschei­nen maßgeb­lich mitprä­gen. Als Teil der femi­nis­ti­­schen Kunst­­be­we­gung setzt sich Jürgens­sen in ihrem multi­me­dia­len Werk damit ausein­an­der. Ähnlich wie ihre Gleich­ge­sinnte im Geiste, Cindy Sher­man, die damit jedoch ungleich berühm­ter gewor­den ist, ist Birgit Jürgens­sen insbe­son­dere in ihrem foto­gra­fi­­schen Werk zumeist sowohl Künst­le­rin als auch Modell, Subjekt als auch Objekt. 

Weibliche Stereotypen 

Von Anfang an arbei­tete Birgit Jürgens­sen (1949 in Wien als zwei­tes Kind in eine Arzt­fa­mi­lie gebo­ren) in unter­­schied­li­chen Medien. Subtil, weil viel­­schich­tig und ironisch, fesselt ihr umfang­rei­ches, medi­­en­über­grei­fen­des Werk, zu dem neben Foto­gra­fien ebenso Zeich­nun­gen, Skulp­tu­ren, Objekte aus unter­­schied­li­chen Mate­ria­lien, Colla­gen, Aqua­relle, Lein­wand­ar­bei­ten und Druck­gra­phi­ken zählen. Vor allem ihre Foto­gra­fien sind es jedoch, mit denen Jürgens­sen ihre nach­­hal­tigs­ten künst­le­ri­­schen State­ments geschaf­fen hat, die den Tod der Künst­le­rin im Jahr 2003 über­dau­ert haben.

Indem Birgit Jürgens­sen Rollen annimmt und sich verklei­det, über­spitzt sie weib­li­che Stereo­ty­pen in ihren Foto­gra­fien so sehr, dass sie sich als solche selbst entlar­ven. Die Haus­frau, die Frau als Mutter und Ehefrau oder auf ihre Schön­heit und/oder Körper­lich­keit redu­ziert – dies alles sind gesell­schaft­lich geschaf­fene Konstrukte, gegen die Jürgens­sen und andere Künst­le­rin­nen der soge­nann­ten Femi­nis­ti­­schen Avant­­garde in der Stim­mung der 68er und der daraus entstan­de­nen Frau­en­be­we­gung antre­ten. 

Die Grenzen gesellschaft­li­cher Wahrneh­mung 

Indem sie sich jene zu Eigen machen und dekon­­stru­ie­ren, humor­voll bis ironisch kommen­tie­ren, bis vor allem die Frage nach der Iden­ti­täts­bil­dung übrig bleibt. Was die Künst­le­rin­nen bei aller Unter­­schied­lich­keit nämlich teilen: die Erfor­­schung der mensch­li­chen Iden­ti­tät, zumeist der weib­li­chen. Sie loten die Gren­zen gesell­schaft­li­cher Wahr­neh­mung und Denk­mus­ter aus, um zu erfor­­schen, wie tief kultu­relle Konstrukte im Kopf eines jeden Menschen veran­kert sind – wie sehr müssen zum Beispiel weib­lich konno­tierte Formen und Stereo­ty­pen abstra­hiert werden, um nicht mehr als solche verstan­den zu werden?

Werke wie „Ohne Titel (Selbst mit Fell­chen)“ von 1974 stel­len dabei die in der Kunst ebenso wie in Mythen zu findende Korre­la­tion von Frau und Tier in den Vorder­grund; späte Arbei­ten wie die Serie „Zebra“ und Jürgens­­sens Farb­fo­to­gra­fien in einem Konkav­spie­gel („Ohne Titel“, 1979/80) nehmen die Iden­ti­tät noch verstärk­ter ausein­an­der, lösen sie sogar auf. Dass die Frau hier­bei seit Jahr­hun­der­ten die Projek­ti­ons­flä­che für gesell­schaft­li­che Vorstel­lun­gen ist, werden in ihren „Körper­pro­jek­tio­nen“ aus den Jahren 1987 und 1988 beson­ders offen­bar. Die Foto­gra­fien von Körper­pro­jek­tio­nen sowie die Zerr-, Schat­ten- und Bade­wan­nen­bil­der gehen verstärkt über das Gegen­ständ­li­che hinaus und begin­nen, die Vorstel­lun­gen wort­ge­treu umzu­set­zen.

„Ich möchte hier raus!“ 

In ande­ren Arbei­ten wiederum zeigt Birgit Jürgens­sen expli­zit die gesell­schaft­lich veran­kerte Wahr­neh­mung der Frau bezie­hungs­­weise ihres Körpers als Ober­flä­che und Projek­ti­ons­flä­che im Alltag auf, wenn die Künst­le­rin buch­stäb­lich Rollen anlegt: Klei­dung, Schuhe, Make-Up, Mani­küre, all dieser weib­li­che Flit­ter­kram ebenso wie die mate­ri­el­len Mani­fes­ta­tio­nen der Frau­en­ar­beit werden in ihrem Werk thema­ti­siert, aller­dings nicht aufge­wer­tet, sondern neu veror­tet und inter­pre­tiert. Birgit Jürgens­sen wird zur Diva, zum Engel, zur Haus­frau – nur, um in ihnen selbst ihre Auflö­sung zu fordern. Der Titel einer ihrer bekann­tes­ten Arbei­ten von 1976 spricht für sich: „Ich möchte hier raus!“

„So oft ist die Frau Kunst­­ob­jekt, selten und ungern lässt man sie selbst zu Wort oder Bild kommen. Ich möchte einmal die Möglich­keit haben, mich nicht immer nur mit Kolle­gen, sondern auch mit Kolle­gin­nen verglei­chen zu können,“ schreibt Jürgens­sen 1974 an den DuMont-Verlag und fordert einen Sammel­­band über Künst­le­rin­nen. Die Anfrage wird abge­lehnt. Ebenso wie eine zweite. Umso verstärk­ter nutzen Jürgens­sen und andere öster­rei­chi­­sche sowie inter­na­tio­nale Künst­le­rin­nen ihrer Zeit ihre Kunst, um ihren Anlie­gen eine Bühne zu verschaf­fen.