Birgit Jürgenssen

Sonja Eismann

Sonja Eismann

Die unbekannteste bekannte Künstlerin

fm4.orf.at, 27.11.2009.

Die Wienerin Birgit Jürgenssen wäre am 27. November 60 Jahre alt geworden. Die Sammlung Verbund widmet der vielfältigen Künst­lerin der femi­nisti­schen Avant­garde eine Ausstellung.

Über Birgit Jürgenssen kursiert die – so traurige wie überwältigend sympathi­sche – Anekdote, sie habe einmal einen ganzen Tag mit dem Super-Kurator Harald Szee­mann (verantwortlich für die epochale Documenta 5 im Jahr 1972) verbracht. Statt ihn in ihr eigenes Atelier zu führen, um mit der Aufmerksamkeit Szee­manns den internatio­nalen Durch­bruch zu schaffen, habe sie ihn mit zwei ihrer Kunst­studentinnen zusammenge­bracht, damit diese ihm ihre Arbeiten präsentieren konnten.

Wahr­scheinlich lag es auch an dieser Zurückhal­tung und Schücht­ernheit, dass die Wienerin Birgit Jürgenssen, eine der wichtigsten Vertrete­rinnen der femi­nisti­schen Avant­garde, vor ihrem frühen Tod 2003 nicht die gleiche globale Bekannt­heit erreichte wie beispielsweise ihre Kollegin Valie Export. Vielleicht war es auch ihre Weigerung, sich auf nur einen Stil oder eine Technik festzulegen, der dazu führte, dass sie nicht als simple "Trade­mark" funktionierte. Ende der 1960er Jahre in Wien in der Grafik-Meister­klasse an der Hoch­schule für Angewandte Kunst klas­sisch geschult und als Uni-Assistentin Maria Lassnigs und Arnulf Rainers weiter­gebildet, hatte sie feine Blei­stiftzeich­nungen genauso im Reper­toire wie Fotografien (plus Polaroids), Aquarelle, Collagen und skulptu­rale Objekte. Die Sammlung Verbund zeigt jetzt rund 40 neu aus dem Nach­lass angekaufte Werke, die diese Vielfältigkeit widerspiegelt.

Weit davon entfernt, mono­the­matisch zu sein, liegt Jürgens­sens Werk doch fast immer eine Kritik gesellschaft­li­cher Zwänge und Rollenzuschreibungen zu Grunde. 1975 ist ein markantes Werk von ihr in der von Valie Export kuratierten Schau "MAGNA – Femi­nismus: Kunst und Kreativität" ausge­stellt: die "Hausfrauen-Küchen­schürze" (ph1578). Auf diesen beiden Fotos sieht man die Künst­lerin mit einem um den Hals gehängten Herd, aus dessen Ofenluke ein Brot ragt – der "Braten im Ofen" und Phallus zugleich.

Oft bedient sie sich auch der Ironie, indem sie z.B. Redewendungen ganz wörtlich nimmt. In den bunten "Hausfrauen"-Zeich­nungen aus den 1970er Jahren (z402) putzen die domestizierten Frauen mit dem verächtlich für "schwache" Männer benutzten "Wasch­lappen" den Boden auf. In "Gret­chen von Faust" (ph1541) ist ein ausge­streckter Frau­enarm mit einem Stöckel­ab­satz "bewaffnet". In der Fotografie "Nest" (ph761) wird die Vorstellung von Geschlecht, Reproduktion und Haushalt vervielfacht und damit ironisch gebro­chen: Auf der S/W-Fotografie sieht man den Unterkörper eine Frau in einem Teppich"nest" sitzen, zwischen den Beinen ein Vogel­nest, in dem – in Anleh­nung an das männliche Geschlechts­teil – zwei Eier liegen. "Für mich ist Selb­st­ironie eine Form autobiographi­scher Stra­tegie, um subversives und dekon­struktives Potential leichter zu vermit­teln", so die Künst­lerin.

Schon früh benützte sie auch Stra­tegien der Maske­rade und Fragmentierung, die in femi­nisti­scher und dekon­struktivisti­scher Kritik so wichtig wurden. Auch das Motiv der Tier-Werdung war in ihren Arbeiten wichtig. Im Foto-Selbstpor­trait "Selbst mit Fell­chen" (ph679) (1974) z.B. ist ihr Gesicht so von einem Fuchsfell bedeckt, dass sie wie ein Hybrid aus Tier und Mensch erscheint. Peter Weibel, deklarierter Jürgenssen-"Fan", verortet die Künst­lerin folgendermaßen:

"Birgit Jürgenssen ist das Missing link, das endlich entdeckt wird, für die Geschichte nicht nur des österrei­chi­schen Femi­nismus zwischen Maria Lassnig und Valie Export, sondern auch für die internatio­nale Bewegung der Frau­en­kunst von Fran­cesca Woodman bis Cindy Sherman. (...) Birgit Jürgenssen stellt eine zeitgenössi­sche Position dar in Fortsetzung von Meret Oppen­heim und Louise Bourgeois."

Also: Wer die Künst­lerin bis jetzt noch nicht kennt oder (wieder) Werke von ihr sehen möchte, sollte schleunigst in die Sammlung Verbund eilen. Aber Achtung, die Sammlung ist nur nach Voran­meldung (per E-Mail) mittwochs um 18 Uhr zugänglich. Dafür gibt es aber auch eine profunde Kunst­führung dazu – alles gratis.

Anlässlich der Ausstellung ist auch ein umfang­rei­cher Katalog erschienen: Birgit Jürgenssen. Hrsg. von Gabriele Schor und Abigail Solomon-Godeau. Hatje-Cantz, 296 S., ca. 39,80

Am 11.12.09 findet in der Wiener Akademie der Bildenen Künste das Symposion "Mapping the Margins. Birgit Jürgenssen im Kontext" statt.