Birgit Jürgenssen

Anne Katrin Feßler

Anne Katrin Feßler

Ein Bizeps ist keine Maus - Subversiver Feminismus, großteils nie ausgestellt: Arbeiten aus dem Nachlass von Birgit Jürgenssen in der Galerie Hubert Winter

In: Der Standard, Printausgabe, 10.01.2008.

Bei der ersten Begeg­nung von Alice Schwarzer mit Simone de Beauvoir im Mai 1970 in Paris habe ihr diese, erzählte Schwarzer vergan­genen Herbst in einem TV-Interview, ob des Tragens eines Minis scheele Blicke zugeworfen. Genauer gesagt, Beauvoir habe "einen kurzen, irri­tierten Blick" auf sie, ihr Outfit und die langen blonden Haare geworfen. Und Schwarzer berichtet weiter, dass sie selbst irgendwann mit dem Röcke­tragen aufhörte, weil ihr das Pfeifen eines Bauarbeiters unange­bracht erschien.
So wie Schwarzer die Skepsis beschreibt, die einem augen­scheinlich betont weibli­chen Äußeren entgegen­ge­bracht wurde, verwundert es nicht weiter, dass Birgit Jürgenssen (1949-2003) immer dementiert hat, eine Femi­nistin zu sein. Optisch sei sie die Anti­t­hese zu vielen Femi­nistinnen der 1970er gewesen, liebte Mode, hohe Schuhe, Nagellack und Lippen­stift, erzählt Galerist Hubert Winter, der ihre Arbeit als subversiven Femi­nismus charakterisiert.
Das erste Mal seit dem Tod der Wiener Künst­lerin zeigt die Galerie Zeich­nungen der 1970er-Jahre aus Jürgens­sens Nach­lass. Zeich­nungen, von denen ein großer Teil bisher nie ausge­stellt war und die die subtile Note ihrer Statements einfangen. Subtil, weil nicht eindeutig defi­nierbar, sich nicht aufdrän­gend, weil sie sich über ihre Rätselhaftigkeit langsamer, aber dafür womöglich nach­haltiger in uns einschreiben.
Sie selbst und ihr Körper als Prot­agonisten dessen, was dem Innen und dem Außen widerfährt: "Stellvertre­tend hat sie ihren Körper publik gemacht, ihre Haut gegeben, für uns die unzähl­igen Projektionen aufzufangen, die auf sie, die auf jede Frau gerichtet sind," schrieb Markus Mittringer im Katalog zur post­humen Ausstellung im MAK 2004.
Fast surreal die Szene eines Paares (z92), das das Gegenüber nicht erkennen kann, weil ihre Blicke verhängt sind; Kommunikation findet allein über die Bindung statt, denn ihre Hände verknüpfen Bänder. Und auch die Sonne, oft ein Symbol des Glücks, ist in ihrem Lauf gebunden. Auf ein Tuch gebannt und ordentlich verzurrt. - Selb­st­ironisch das Blatt "Dieses Match das trag ich mit mir selber aus" (z30), das eine zum Tennis­schläger stilisierte Frau beim Ball­spiel mit sich selbst zeigt. Und mit viel Humor und leider zeit­loser Aktualität: Bilder von Busen - (ph23) und Mäuschen-Bizeps (z176).