Birgit Jürgenssen

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Sabine B. Vogel

Sabine B. Vogel

Ich bin schon draußen!

in: Die Presse. Kunstmarkt, 14. Februar, S. 45.

Birgit Jürgenssen in der Galerie Hubert Winter: Sie ist auch auf dem Kunst­markt das Para­debei­spiel für die Entdeckung der femi­nisti­schen Avant­garde.

Das gibt es in kaum einer Stadt: In Wien ist eine Straße nach einer zeitgenössi­schen Künst­lerin benannt. Jürgenssenweg. (ph17) Eher ein Pfad als ein Weg, ohne Häuser, am Rand des Geländes vom Gaswerk Leopoldau gelegen, wurde diese zuvor namen­lose Verkehrs­fläche im Februar 2014 zum Erinnerungsort für die 2003 verstorbene Birgit Jürgenssen.

Vergan­genes Jahr besuchten Astrid Nylander und Stine Olgod diesen Ort und dokumentieren ihre Erkundung in einem Hörstück für „Audiocall“, dem „Audio­zine zu Kunst und Femi­nismus“. Es ist eine Hommage an die Wiener Künst­lerin, aber auch eine Spurensuche. Denn Jürgenssen gilt einer jungen Gene­ration als Pionierin einer anderen Kunst­ge­schichte. In ihren Zeich­nungen und Foto­arbeiten hinterfragte sie schon in den 1970er-Jahren humorvoll die Rolle der Frau, machte ihren Körper zum Mate­rial, ihr Leben zum Thema, oft in der Aneig­nung männ­li­cher Posen: Ein Oberarm mit geballter Faust liegt auf einem Tisch. Statt des Bizeps schwillt eine Brust heraus – „Emanzipation“ nannte Jürgenssen diese Zeich­nung von 1973, eine Kampf­ansage mit weibli­chen Mitteln.

„Ich möchte hier raus.“ Mit den Künst­le­rinnen ihrer Zeit teilte sie die Forde­rung, das Private als Politi­sches zu sehen, denn dort beginnen die Ände­rungen – was sie in einer heute berühmten Fotografie von 1976 zusammengefasst hat: Kokett blickend und brav gekleidet, drückt sie Hände und Gesicht gegen eine Glas­scheibe. Auf dem Kragen steht „Ich möchte hier raus“. Es ist ein Ausbruchsversuch aus der Rolle der bürgerli­chen Hausfrau, aus dem Konformitätszwang ihrer Zeit.

Einige ihrer Zeich­nungen, Collagen und Foto­arbeiten sind jetzt zusammen mit der Sound­in­stallation von Nylander & Olgod in der Wiener Galerie Hubert Winter zu sehen. Da krümmt sich etwa eine nackte Frau auf einem Fauteuil zusammen, rundherum ist ein Gehirn angedeutet – das Bild der Frau, angepasst an vorgegebene Räume (60.000 Euro). In einer anderen Zeich­nung sehen wir eine affen­artig behaarte Frau in der Haltung eines Primaten, bedrängt von drei Händen, die fest­halten, herun­ter­drü­cken, heranlo­cken (90.000 Euro).

Solche Werke werden der femi­nisti­schen Avant­garde zuge­schrieben. Dieser Begriff bezeichnet die Auswirkungen des Femi­nismus auf die Kunst der 1970er-Jahre und wurde geprägt von der Wiener Kunst­his­torikerin Gabriele Schor. Als Leiterin der Sammlung Verbund legte sie schon 2004 einen Schwerpunkt auf diese Kategorie und kuratierte die gleich­namige Ausstellung, die seit 2010 durch verschiedene Insti­tutionen wandert, im Oktober 2016 als vorletzte Station ins Wiener Museum moderner Kunst.

Für die Ausstellung sich­tete Schor Nach­lässe auf Dachböden, erkundete verstaubte Archive, kaufte Werke für die Sammlung Verbund an und präsentiert 34 Künst­le­rinnen in der Ausstellung. Ihre Auswahl bewirkt in jeder Stadt überraschtes Staunen. Denn Schor betont nicht nur die histori­schen Pionier­leis­tungen dieser Kunst, sondern zeigt auch viele nahezu vergessenen Künst­le­rinnen.

Allen Werken gemeinsam ist die Vorliebe für die damals neuen Medien Fotografie, Film und Performance – willkommene Alternativen zu der männ­erdomi­nierten Malerei. Gerade für die künst­leri­sche Fotografie gilt Jürgenssen als bedeu­tende Pionierin. Sie experimentierte mit Polaroids, Fotogrammen, Cyanotypien, Mehrfachbe­lich­tungen und Hinzufügungen. So überzog sie Fotos mit einem durch­sichtigen Stoff, um „der Kälte des Mediums Sinnlichkeit zu geben, durch Verschleiern sichtbar zu machen“, wie sie einmal erklärte.

Die mehr­teiligen Arbeiten nannte sie ein „Puzzle über die Ursa­chen der eroti­schen Manipu­lation und ihr Verhältnis zum Selbstbewusst­sein. Ein Spiel vom Selbst und dem anderen, um Subjekt und Objekt, dem Privaten und dem Öffentli­chen.“

Einige der späten Fotografien kosten in der Galerie Winter 50.000 Euro, die Zeich­nungen aus den 1970er-Jahren zwischen 45.000 und 90.000 Euro. Das ist ange­sichts der kunst­his­tori­schen Bedeu­tung dieses Werks sicher angemessen, für Kunst aus Österreich allerdings überra­schend hoch angesetzt. „Die Karrieren einiger österrei­chi­scher Künst­le­rinnen wie Renate Bertlmann fangen jetzt erst an, aber Jürgenssen hatte ähnlich wie Valie Export als Pionierin der femi­nisti­schen Avant­garde schon früh Erfolg“, erklärt Schor dieses Preisniveau.

Verkauft nach New York und Paris. Hinzu kommt eine mehr als zehnjährige postume Karriere mit Gale­rien in Wien, New York (Fergus McCaffrey) und London (Alison Jacques). Wichtige Werke wurden vom MoMA in New York, der Tate in London, dem Centre Pompidou in Paris angekauft, sind in wichtigen Privat­sammlungen von Sing­apur bis in die USA. Aber auch Künstler wie Anish Kapoor oder jüngst Cindy Sherman kaufen Werke von Jürgenssen an. Denn nicht nur die junge Gene­ration erkundet, wie die Wiener Künst­lerin den Weg für ein neues Rollenverständnis der Frau bereitet hat.

Der Wiener Gemeinderats­aus­schuss dagegen scheint noch weit von dieser Einschätzung entfernt zu sein: Als Nylander & Olgod endlich den Jürgenssenweg in Floridsdorf fanden, lachten sie entsetzt: „It feels like a joke“, hören wir ihren Kommentar in der Sound­in­stallation. Im Wiener Straßenregister mag Jürgens­sens Name für ein schlichtes Gelände stehen. Auf dem Kunst­markt gilt sie als wegweisend.