Birgit Jürgenssen

Doris Krumpl

Doris Krumpl

Birgit Jürgenssen - 'Ich weiß nicht', Galerie Hubert Winter, 2001

In: Der Standard, 31.11.2001.

Im Zweifel für den Zweifel

Eine Ausstellung mit dem Titel ‚Ich weiß nicht’: Birgit Jürgenssen bekennt sich in der Galerie Winter mit souve­ränen Arbeiten - Foto, Video, C-Prints - zu Zweifel und Zwischenrei­chen: eine angenehme Erschei­nung inmitten der immer ‚heroi­scher’ werdenden (Kunst-)Welt.

„Dem Künstler ist der überra­schende Blick auf die Welt nur einmal möglich – in seiner Jugend“, schrieb heuer der Kunst­his­toriker Beat Wyss in der NZZ bezüglich Gegenwarts­kunst. Danach bliebe nur die „kluge Stra­tegie, mit dem erworbenen Blickpatent zu altern.“ Große Namen kommen da sofort ins Gedächtnis. Die Künst­lerin Birgit Jügenssen besitzt mehrere Blickpatente, das macht sie unbe­re­chenbarer, span­nender - und deshalb auch weniger berühmt. 
Den Hinter­grund der 1947 geborenen Wienerin, derzeit mit einer Perso­nale in der Galerie Winter vertreten, bildet vor allem die Body Art der gesellschafts­kri­ti­schen 60er Jahre, mit femi­nisti­schen Ansätzen, die sie in die Nähe von Künst­le­rinnen wie Valie Export (in ihren Foto­arbeiten) oder Maria Lassnigs Körpergefühlsbil­dern rücken. Iden­ti­tätsver­schiebungen, -konstruktionen und Masken des Selbst - sei es auch eine Schuh-Maske - ergeben sich geradezu als Konsequenz.
Wie auch eine Perso­nale im Oberöst­errei­chi­schen Landesmuseum 1998 demons­trierte, kreisen Jürgens­sens Objekte, Zeich­nungen, Fotos, C-Prints, Projektionen oder Videos sehr oft um den eigenen Körper, dem Blicke einge­schrieben werden. Die Grenzen von Innen- und Außenwelt sind bei der Künst­lerin oft aufgehoben, die Grenzen von Subjekt und Objekt, Tier und Mensch. Bei ihr können sogar trans­pa­rente, gegenein­ander gerich­tete bunte Plas­tikpis­tolen zu absurden, Love & Peace ge­nannten Organismen zusammenwachsen.


Täuschungs­manöver

Birgit Jürgenssen, mit hyperpräziser Beobach­tungs­gabe ausge­stattet, stellt dem Blick, und weiter natürlich der Wahrneh­mung, gerne Fallen. Zwei Fluchtpunkte zweier knapp nebenein­ander gehängter Waldfotos (ph2206) lassen den Blick kippen, eine scheinbar computer­gemorphte oder wenigs­tens gemalte Architektur­ansicht von Venedig stellt sich als auf Fotoleinen vergrößerte Fotografie heraus, die, umge­dreht, von einer spiegelnden Wasser­ober­fläche gemacht wurde. Anderer­seits wähnt man wieder auf den Computerprints abstrahierte Holzschnitte (ph2041). Allesamt Zwischenreiche, die lieber nicht ganz erklärt werden müssen, trotz ihrer Konkret­heit bewusst offen lassen. Auch bei dem Video Schneege­witter, das Jürgens­sens Blick aus dem Atelier bei Schnee­sturm zeigt, mit nahezu uner­trägli­chen Umwelt­geräu­schen und einer Pause, in der ein Mann engli­scher Mutter­sprache Hölderlin zitiert. Aus den Wortfetzen, die man mühevoll versteht, konsti­tuiert sich, falls erwünscht, der neue Sinn. Der trans­pa­rente (Fenster-)Vorhang vor der Projekti­ons­fläche irri­tiert zusätzlich. Hier wieder zeigt sich Jürgens­sens Gabe, scheinbar Lapidares und Nahe­liegendes herauszufiltern und zu präsentieren, dass der Blick immer wieder ein überra­schender ist.

‚Ich weiß nicht’ nennt die in ihren Arbeiten so souve­räne Birgit Jürgenssen diese Ausstellung : Ein Nicht -Durch­bli­cken -Können, ein Nicht -Fest­legen -Wollen als wohltuende und notwendige Erschei­nung in einer (Kunst-) Welt, die wieder mehr die (männli­chen) Heroen feiert.