Birgit Jürgenssen

Doris Krumpl

Doris Krumpl

Mit dem Schuh auf Du und Du

In: Der Standard, 31.03.2004.

Porträts, Psychogramme, Zustandsbeschreibungen macht Birgit Jürgenssen am Gegen­stand Schuh fest: Schuh­werk. Subversive Aspekte von 'Femi­nismus' in der MAK-Galerie. 

“Die mit den Schuhen” wollte sie nicht werden. Außerdem war das ja in den Augen ihrer Kollegen alles keine “richtige” Kunst, das mit den Schuhen. Und so gab sie, Birgit Jürgenssen, ihre rund um das Thema in den 70ern entstan­denen Zeich­nungen und Objekte unter Verschluss. Und arbeitete, wie ihr enormes Lebens­werk beweist, in unter­schiedli­chen Facetten weiter an der langen Geschichte, die da handelt von Machtkon­stellationen, von Selbstbe­stimmung, Festma­chung und Auflösung. 
„Ich suchte nach einem neutralen Gegen­stand, der jedem vertraut war“, beschrieb es Jürgenssen in einem Interview im Mai 2003 (Kunst­forum International): „Schuhe schienen mir geeig­nete Objekte zu sein, um meinen eroti­schen und zyni­schen Fantasien und allen anderen Interpretati­ons­möglichkeiten freien Lauf zu lassen.“ 
Traurig nur, dass eine Ausstellung nun erst nach dem Tod der Künst­lerin passiert - sie starb vorigen September 54-jährig. Wunderbar, dass die vorliegende Schau in der MAK-Galerie überhaupt passiert. Und es ist klug, dabei allein Jürgens­sens reicher Schuh-Sprache zu folgen. Sie ist zuweilen den 70ern verhaftet, mit surrealer Yellow-Subma­rine-Ästhetik, gewitzten Sprach­spielen und ins Bild gesetzten Redens­arten. Unter dem Riesenpantoffeln (z418) muss sich tatsächlich ein Mann bücken. 

Und es ist noch was: Body- und Gender-Debatte rund um Pantoffelhelden und Stiefelknechte, früh fest­gemacht am Fetisch Schuh. Der ja, glaubt man der (Vulgär-)Wissenschaft, wie der Strumpf als Symbol der weibli­chen Genitalien gilt. Wenn Valie Exports Foto 'Genitalpanik' ein wesentli­ches Bild der österrei­chi­schen femi­nistisch orientierten Kunst ist, dann gilt Jürgens­sens Foto (ph1658), auf dem sie in Strumpfhosen auf zwei hohen Stöckeln sitzt, als ein Pendant.

Es sind Porträts, Psychogramme, Zustandsbeschreibungen, die Jürgenssen am Gegen­stand Schuh festmacht. „Schuhe sind... ein Stück unserer Iden­tität, Abbild unserer Persönlichkeit, Spiegel unserer Träume und Sehnsüchte“, schrieb Franz Josef Görz in seiner Antho­logie über 'Poeti­sches Schuh­werk'. Schuhe geben Sicherheit und Halt: „Der Schuh weiß, wo der Strumpf Löcher hat“, heißt ein Sprich­wort.
Da bringt Jürgenssen die Küche im Herd­schuh (z403) unter, der Muskel­schuh (z476) ist ganz Fleisch. Der große Sessel­schuh (s15), ein früher Ankauf des MAK, ist verwirk­lichtes Traum-Fetisch-Möbel. Der Rost­schuh (s3) verfällt zuse­hends, Matratzen dienen als Fußbett für eine Art Bett­schuh (s10). Fußspuren folgen wir bei den lebenden, mit Kressekeimen bestreute Schuhe (s5), die zu Biomasse mutieren. In unmit­telbarer Nähe dazu zeugt eine Auswahl von Jürgens­sens persönli­chen, extravaganten Schuhen makaber und trotzdem sich fügend, von der unverwech­selbaren Künst­le­rinnenfigur - und deren Präsenz weit über den Tod hinaus.