Birgit Jürgenssen

Jacqueline Rugo

Jacqueline Rugo

Weibliche Selbstbespiegelungen - Birgit Jürgenssen in der Galerie Hubert Winter

www.kunstmarkt.com, 21.12.2006.

Bedeu­tende Muse­ums­aus­stellungen, offizi­elle Ehrungen und kommerzi­eller Erfolg blieben ihr zu Lebzeiten verwehrt. Heute gilt Birgit Jürgenssen  als eine der wichtigen österrei­chi­schen Künst­le­rinnen, die Ende der 1960er Jahre damit begannen, gesellschaftliche Dogmen und kulturelle Konstruktionen von Weiblichkeit zu hinterfragen. Drei Jahre nach ihrem frühen Tod zeigt die Wiener Galerie Hubert Winter noch bis Mitte Januar eine subtile Auswahl von fotografi­schen Arbeiten aus den 1970er Jahren und bietet damit die seltene Gelegenheit eines relevanten Einblicks in ein zu Unrecht viel zu wenig bekanntes künst­leri­sches Œuvre.


Birgit Jürgenssen gehörte zu jenen Künst­lern, die prägnant die Erscheinungs­formen des Persönli­chen, des Individuellen auf den jeweiligen Rahmen kultureller Bestimmungen hin über­prüfte. Erstaunlich ist, wie früh sich die 1949 in Wien geborene Künst­lerin Methoden zu Eigen machte, die heutzutage postfemi­nisti­scher Praxis zuge­ordnet werden. Ihre frühen Maske­raden und Rollen­spiele, die sie bereits im Alter von 17 Jahren mittels selbs­tauslösender Kamera dokumentierte, bleiben themenbe­stimmend für ihr gesamtes späteres Werk. Bereits Ende der sechziger Jahre entstanden in ihrer winzigen Atelierwoh­nung die ersten Selbstpor­traits, in den Badezim­merspiegel hinein fotografiert. Birgit Jürgenssen bezeichnete diese Arbeiten als Selbst­analysen. „Prinzipi­ell“, erläu­terte sie später, „inter­es­siert mich die Darstellung der Beziehungen und nicht die Darstellung der Dinge oder auch anders gesagt: Das natürliche Erscheinen der Dinge wird erst span­nend, wenn die Darstellung der Beziehungen in den Vordergrund gerückt ist.“

Die Wiener Ausstellung präsentiert eine umfang­reiche Werk­auswahl, vor allem klein­formatige Fotografien, die als Einzelbild oder in seri­ellen Zusammen­stellungen Anfang der siebziger Jahre entstanden. Alle diese Aufnahmen schuf Birgit Jürgenssen nach dem glei­chen Schema: stets posiert die Künst­lerin in unter­schied­li­cher Alltagskleidung und Aufma­chung vor dem Spiegel in ihrem Badezimmer und blickt meist direkt in den Fokus der Kamera (ph673). Auf keiner der Aufnahmen posiert sie für eine andere Person, stets ist sie es selbst, die den Auslöser der Kamera bedient. Dispositionen, die die Intimität ihrer Selbstbespiegelungen und damit auch deren Inten­sität begründen.

Birgit Jürgenssen lässt die Betrachter teilhaben an ihren alltägli­chen Ritualen vor dem Spiegel: nach der Dusche, mit Gesichtsmaske und mit Lockenwick­lern. Auf anderen Selbstpor­traits presst sie sich gekleidet in weißer, braver Bluse gegen eine Glas­scheibe (ph17), wird ihre Brust zum Bizeps im angewinkelten Arm (ph23), schnürt sie sich einen Feuer­lö­scher unters Gesäß oder hält sich ein Fell vor das Gesicht (ph679). Bereits diese frühen Arbeiten machen deutlich, mit welcher Strin­genz und gleichzeitigen Ironie Jürgenssen versucht, ihren Körper als Projekti­ons­fläche für kulturelle Vereinbarungen und deren Kritik zu benutzen. In einprägsamen, beißend scharfen und immer wieder auch humorvollen Bildern gelingt es ihr, die Mechanismen und Automatismen der Unter­drückung der Frau zu entlarven.

Es sind vor allem diese frühen Werke, die Zeugnis geben von der Erkenntnis, „stark in Rollenkli­schees aufgewach­sen“ zu sein und einem Bemühen, mittels fotografi­scher Alltags­protokolle, eine adäquate künst­leri­sche Entgeg­nung zu finden. Die stilisierten Selbstpor­traits von Birgit Jürgenssen präsentieren den Kanon der sozial diktierten Aktivitäten und Funktionen der Frau, die kocht, bügelt und putzt und gleichzeitig einem Schönheits­ideal entspre­chen soll. Peter Weibel bezeichnet ihre Werke 1998 als „Insze­nierungen des alltägli­chen Schre­ckens“, wenn sich die Frau selbst bügelt (z963) oder die Küche Teil ihrer Kleidung wird ('Hausfrauen-Küchen­schürze'(ph1578), 1975). Mit ihren entlarvenden Verkleidungen und Traves­tien nahm Birgit Jürgenssen viele Ideen vorweg, die beispielsweise Rose­marie Trockel in den 1990er Jahren aufgriff oder Martha Rosler eben­falls Mitte der siebziger Jahre in ihrer gleich­namigen Video-Performance gegen die „Semiotik der Küche“ revoltieren ließ.

„Jeder hat seine eigene Ansicht“ (ph16) schrieb Birgit Jürgenssen 1979 auf ihren eigenen fotografierten Rücken. Es ist eine der letzten Arbeiten, mit der die Ausstellung den Querschnitt aus dem ersten Drittel des etwa dreißjähr­igen Schaffens der Künst­lerin beschließt. Hubert Winter gebührt das Verdienst, seiner langjähr­igen Lebens­gefährtin eine substanti­elle Ausstellung arrangiert zu haben, deren unprätentiöse Form der leisen, nach­denk­li­chen Stimmung der Werke entspricht.

So wird das fotografi­sche Konvolut, das freilich nur einen kleinen Teil eines viel­schichtigen Œuvres dokumentiert, zu einem bild­ne­ri­schen Reigen, der nicht allein die vielen Gesichter von Birgit Jürgenssen vorführt und das reiche Inventar ihrer Gemütszustände, sondern auch das vorsichtige Tastende, Suchende einer ständig um sich selbst Kreisenden eindring­lich vorstellt, ohne es zur Schau zu stellen.

Die Ausstellung „Birgit Jürgenssen – Fotos, Rayogramme, Polaroids, Solargrafiken aus den 1970er Jahren“ ist noch bis zum 13. Januar 2007 zu sehen. Die Galerie Hubert Winter hat dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr, am Samstag von 11 bis 14 Uhr geöffnet. Die Galerie bleibt vom 23. Dezember bis zum 6. Januar 2007 geschlossen.