Birgit Jürgenssen

Patrick Schabus

Patrick Schabus

In der Tiefe der Texte

www.artmagazine.cc, 24.01.2012.

Blue walks into the labyrinth. Absolute silence is demanded to all its visi­tors, so their presence does not disturb the poets who are directing the excavations. 
Derek Jarman 

Das Wech­sel­spiel zwischen Literatur und Alltag war oft der Fokus in den Arbeiten von Birgit Jürgenssen. In den letzten Jahren wurde die Sicht auf ihr Werk manchmal durch diverse Labels verhüllt, nun erlaubt die Galerie Hubert Winter mit der Ausstellung von Cyanotypien einen neuen Blick auf das Oeuvre der Künst­lerin. 

Die Cyanotypie ist eines der ersten fotografi­schen Verfahren. Schon 1840 beschrieb der engli­sche Forscher John Herschel diese Technik. Eine fotografi­sche Lösung aus Eisen­salzen und destil­liertem Wasser wird auf einen neutralen Träger gestri­chen. Ein oder mehrere Objekte werden auf den Träger gelegt, dann wird unter der Sonne belichtet, die Dauer ist dabei variabel. Die Bilder, die dabei entstehen, ähneln Blaupausen, die Objekte sind weiß, die umliegenden Gebiete blau. 

Die Farbe Blau, heute meist männlich konnotiert, war in der Antike ein Symbol von Weiblichkeit. Blau steht auch für das Meer und ist oft das Symbol für die Attribute „unbegrenzte Ferne“ „Hoffnung“ und „Tiefe“. Auch die hier zu sehenden Bilder scheinen nahezu allesamt eine nahezu unbegrenzte Ferne und Tiefe aufzuweisen. Dabei geht dieser Effekt nur zu kleinem Teil von der Farbe selbst aus, sondern entstehen durch die Anord­nung der über­ein­anderliegenden Objekte. 

Oft wurden Famili­enfotos in den Cyanotypien als Bild­element verwendet. Manche Arbeiten hatte Jürgenssen nur einmal ausge­stellt, andere werden hier zum ersten Mal öffentlich gezeigt (sp64) (sp81) (sp235). Nun sind sie allesamt in einem Raum zu sehen, nebenein­ander und gegenüber. Funktioniert denn diese Anord­nung, oder ist es ein geschei­terter Versuch? 
Die Arbeiten weisen sehr unter­schiedliche Qualitäten auf. Manche Arbeit wird womöglich außerhalb der Gesamt­schau nicht alleine bestehen können, andere Bilder wiederum stechen wie Leuchtfeuer in die Augen. Diese verwundern, und zwingen den Besu­chern neue Lesarten auf. 

Es sind jene Arbeiten in die Jürgens­sens Text einfließen ließ. Sie erinnern einer­seits an dada­isti­sche Collagen, aber es gibt auch Anleihen aus der Konzeptkunst. Hier liegen die Bild­schichten manchmal wie Schleier über­ein­ander, und gerade dadurch entstehen Zusammenhänge zwischen Körperpolitik und Text. Und es gibt Verbindungen zu frühen Werken wie „Jeder hat seine eigene Ansicht“ (ph16) von 1975 und „Ohne Titel (Körper­pro­jektion)“ von 1988 aber auch zu späteren Werken wie „Hauch“ von 1995 oder „Ich bin.“ (s46) eben­falls 1995. 

Besonders erwähn­enswert ist eine Arbeit, die bislang in keiner der beiden Monografien Platz gefunden hat. Hier sieht man oben ein Bild zweier liegende Damen und unten steht ein Zitat des surrea­listi­schen Künst­lers und Dichters Roland Penrose (sp118). Ein kontextuelles Spinnennetz verbindet hier ihr Jürgens­sens für Autobiographi­sches und Text. Wie ein ferner Kommentar auf jenes Reisebuch von Penrose dem das Zitat entnommen wurde, erscheint diese Arbeit. Genauso wie alle Werke ist auch sie ein Unikat. 

Hoff­entlich wird es nicht in eine private Sammlung verschwinden, damit es noch oft in anderen Zusammenhängen zu sehen sein wird. Es wäre notwendig Jürgens­sens Werk in anderen Kontexten als Femi­nismus und Körperpolitik zu zeigen, denn sie selbst hat sich auch nicht ausschließlich in diese Schub­lade räumen lassen. Wie Fäden ziehen sich Texte durch ihr gesamtes Schaffen, es bleibt offen, ob in der nächsten Zeit daraus etwas gewebt wird, oder die Fäden unverknüpft in diversen Sammlungen versteckt bleiben.