Birgit Jürgenssen

S. P.

S. P.

Birgit Jürgenssen zäher Durchbruch

In. Die Presse, Feuilleton, 26.11.2009.

„Ach, Fräulein Jürgenssen, warum schleppen Sie sich denn mit den schweren Litho­steinen ab, Sie werden doch eh bald heiraten.“ Der Assistent der Meister­klasse für Druckgrafik an der Wiener Angewandten um 1970 meinte es wohl irgendwie gut mit der damaligen Studentin Birgit Jürgenssen. Seinen Namen unterschlägt die Geschichte uns heute, Jürgens­sens Name dagegen steht für eine der großen unterbewerteten Künst­le­rinnen der österrei­chi­schen Kunst­ge­schichte nach 1945. Trotz Heirat. Und trotz erster Einzel­aus­stellung in der Albertina schon im Jahr 1978. 

Doch das viel­schichtige Werk der vor sechs Jahren an Krebs verstorbenen Wienerin ist nicht „gebrandet“ wie bei vielen männli­chen Kollegen, es folgt keinem durch­gängigen Stil oder Medium, sondern vereint Zeich­nungen, Fotografien, Performances. Eine Erklärung, warum man heute zwar Jürgens­sens Namen, weniger aber ihre Arbeiten kennt, warum der verdiente Durch­bruch so schleppend geschieht.

Aber er geschieht: Dienstag­abend wurde die erste umfassende Publikation über Jürgens­sens Werk in der Verbund-Zentrale am Hof präsentiert. Das Energie­un­ternehmen hat sich im Zuge seiner Sammlungs­tätigkeit hehre Ziele („Tiefe statt Breite“) gesteckt. So konnte die Frau für die Kunst beim Verbund, Gabriele Schor, die renommierte US-Kunst­his­torikerin Abigail Solomon-Godeau als zweite Herausgeberin für den Hatje-Cantz-Band gewinnen, eine wesentliche Hilfe, um Buch und Künst­lerin internatio­nale Aufmerksamkeit zu sichern. Auf 300 Seiten finden sich mehrere Aufsätze und rund 400Abbildungen, die einen Vorge­schmack auf das vorbe­reitete Werkverzeichnis Jürgens­sens (3000 Werke) geben.

Einen Miniaus­blick auf die 2010 im BA-CA-Kunst­forum geplante große Retro­spektive gibt die Stiegen­haus-Ausstellung in der Verbund-Zentrale, die aus der eigenen Sammlung bestückt wurde und einige ikoni­sche Bilder umfasst, etwa aus den Hausfrau­enzeich­nungen (z402), die zu den wesentli­chen Äußerungen der femi­nisti­schen Kunst der 70er-Jahre zu zählen sind. Die Hausfrau etwa als Tigerkatze im Famili­enkäfig (z401), die durch ein Gitter in die Freiheit faucht. Mehr darüber beim Symposium „Birgit Jürgenssen im Kontext – Frauen, Kunst und Repräsentation“, am 11.Dezember, 9.30–19h, in der Akademie der bildenden Künste. U.a. mit Peter Weibel, Solomon-Geodeau, Cathrin Pichler, Carola Dertnig. sp