Birgit Jürgenssen

Ekkehard Tanner

Ekkehard Tanner

"Ich möchte hier raus.“

www.schirn-magazin.de, 23.1.2013.

Zu Hause am Herd mit Kindern: das Private galt lange als Domäne der Frau. Die Künst­le­rinnen Martha Rosler und Birgit Jürgenssen haben in den 1970er-Jahren mit dieser Tradition gebro­chen.

Das Private ist der Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Private ist eine Schutzzone, die allerdings auch zu einem Gefängnis werden kann. Über das Bedrü­c­kende der Privat­sphäre künden Fotografien der Künst­le­rinnen Martha Rosler und Birgit Jürgenssen, die Rose­marie Trockels Herd-Bilder um 10 Jahre vorweg­nehmen. Sie stammen aus einer Zeit, in der die Vorstellung, das Öffentliche sei der Bereich des Mannes, das Private hingegen das Reich der Frau, noch gesellschaftliche Gültigkeit hatte.

Die 1943 in New York geborene Martha Rosler ist in Frankfurt keine Unbekannte: 2006 wurde ihre Bibliothek im Frankfurter Kunst­verein ausge­stellt. Im glei­chen Jahr wurde sie als Professorin an die hiesige Städel­schule berufen. Birgit Jürgenssen, 1949 in Wien geboren und 2003 ebendort verstorben, ist eine wichtige Vertreterin der femi­nisti­schen Avant­garde. Dass sie hierzu­lande noch immer wenig bekannt ist, liegt wohl daran, dass sie im Gegen­satz zu anderen Künst­ler­kolleginnen wie VALIE EXPORT oder Marina Abramovič, nicht den schrillen, lauten Aktionismus wählte, sondern eine beobach­tende, stille Haltung einnahm, wie etwa Fran­cesca Woodman oder Cindy Sherman.

Das Private wird zur Last

In einer Zeit, als Gesellschaft und Kunst von Männern domi­niert wurde, widersetzten sich beide Künst­le­rinnen den traditionellen Bildern von Weiblichkeit. Gegen die Domi­nanz und die Vormacht­stellung der Malerei setzen sie die Fotografie. Ein mutiger Schritt, denn in den 1970er-Jahren wurde die Fotografie als künst­leri­sche Ausdrucks­form kaum wahrgenommen.

Mit ihrer „Hausfrauen-Küchen­schürze“ von 1974 orientiert sich Birgit Jürgenssen an der Poesie des Surrealismus und steht in der Nach­folge einer Meret Oppen­heim oder Louise Bourgeois. Künst­lerisch nimmt sie mit dieser Arbeit die Genderdebatte der 1990er-Jahre um die US-amerikani­sche Philosophin und Philo­login Judith Butler vorweg.

Eine Verände­rung der Lebens­bedingungen

Die „Hausfrauen-Küchen­schürze“ (ph1578) ist eine Kreuzung aus Küchen­schürze und Backofen. Ein hartes Brot lugt aus einem warmen Rohr. Auf den beiden gleich­namigen Fotografien hat sich Jürgenssen das Hybrid vor den Bauch geschnallt und zeigt sich abwech­selnd frontal und im Profil. Die Gleichsetzung von Heim und weib­li­chem Körper wird hier zuge­spitzt: die Frau wird zur Küche, das Brot im Backofen symbolisiert glei­chermaßen Nahrung wie Nach­wuchs. Die geschlechtliche Iden­tität der Frau wird als Konstrukt vorgeführt. Das Private wird zur Last, die Freiheit von Bewegung und Handlung ist deutlich einge­schränkt.

Traditionelle Vorstellungen von Häuslichkeit und Weiblichkeit sind auch Ausgangspunkt der Arbeiten von Martha Rosler. Die amerikani­sche Konzeptkünst­lerin nimmt sich in ihrem Werk gesellschaft­li­cher und politi­scher Fragen zu einer Verände­rung unserer Lebens­bedingungen an (und zwar nicht nur die der Frauen).

Latente Aggressionen in der Küche

1974-1978, als die Frau­enbewegung ihren ersten Höhepunkt hatte, schickte Martha Rosler surreal anmutende Urlaubs­postkarten und Weih­nach­tsgrüße aus ihrer Küche: „From Our House to Your House“ zeigt eine Reihe von Fotografien, auf der die unbe­teiligt bis unglück­lich wirkende Künst­lerin wie ein Fremdkörper in ihrer eigenen Küche steht. Rosler präsentiert sich ähnlich an die Küche gefesselt wie Jürgenssen. Sie entwirft mit ihren Postkarten ein Gegenbild zu dem von der Werbung propagierten Bild der glück­li­chen Hausfrau und Mutter.

Eine ihrer Postkarten, eine Weih­nach­tskarte, zeigt ein Video­standbild aus „Semiotics of the Kitchen“, Martha Roslers wohl bekann­tester Videoarbeit. Dort verbindet die Künst­lerin Anspielungen auf Küche, Fernsehen und Klassen­zimmer, um uns eine femi­nisti­sche Lektion zu erteilen: Im Video wird Rosler mit Küchenu­ten­silien das ganze Alphabet buchstabieren. Auf der Weih­nach­tskarte sehen wir Martha Rosler hinter einem Herd stehen und eine Küchenreibe hoch­halten, daneben das engli­sche Wort für das Küchengerät: „GRATER“. Im Blick der Frau und dem präsentierten Gegen­stand schwingt eine latente Aggression mit. Rosler reflektiert ihre unmit­telbare Umgebung und stellt unbequeme Fragen. Etwa wie unser Alltag sozialen Normierungen und politi­schen Repressionen unterliegt. Wenn die Künst­lerin aus ihren Arbeiten mit uns spricht, dann vermutlich um uns zu Hilfe zu rufen: „Ich möchte hier raus“ (so lautet der Titel einer Arbeit von Birgit Jürgenssen).

Ursprünge unserer „Post-Privat­heit“

Die Arbeiten von Martha Rosler und Birgit Jürgenssen stellen die Frage, wie sich Iden­tität konsti­tuiert. Beide Künst­le­rinnen dekon­struieren mit ihren künst­leri­schen Adaptionen die traditionelle Frau­enrolle. Mit der Parole „das Private ist Politisch“, politisierte die Frau­enbewegung in den 1970er-Jahren die Privat­sphäre und stellte die Trennlinie zwischen Öffentlichkeit und Privat­heit in Frage. Mit Martha Rosler und Birgit Jürgenssen zeigt die Ausstellung „Privat“ zwei international wichtige Vertrete­rinnen der femi­nisti­schen Avant­garde und die Ursprünge unserer soge­nannten „Post-Privat­heit“. Ob der vielzitierte Satz des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg, wonach „das Private nicht länger eine soziale Norm sei“, eine Verwirk­li­chung dessen ist, wofür die femi­nisti­sche Avant­garde eintrat, darf allerdings bezweifelt werden.