Birgit Jürgenssen

Peter Assmann

Peter Assmann

Das Zimmer der Dame

In: Ausst.-Kat. Birgit Jürgenssen. Früher oder Später (Linz: Oberösterreichisches Landesmuseum, 1998), S. 123-125.

1 "Abwesenheit liegt in der Mitte zwischen Zeit und Raum"
(John Berger, Das Kunst­werk. Der Ort der Malerei. 1982)

Eine zentrale Faszination jedes Bildes liegt genau in dieser Formulierung von Abwesenheit zwischen Zeit und Raum. Das Bild - heute - ist nach wie vor eine Brücke zwischen diesen beiden Erfahrungs­kategorien, auch wenn sich die Ansicht von Zeit und Raum als physikali­sche Einheiten immer mehr zu sich gegen­seitig bedin­genden, fließenden Enti­täten hin bewegt. Das Bild ermöglicht eine Gleichzeitigkeit von Überla­gerungen, das Bild ermöglicht aber auch eine Gleich­räumlichkeit von Abläufen.
In ihren jüngsten Arbeiten (ph742), (ph743) spürt Birgit Jürgenssen - unter anderem - genau dieser spezi­ellen Faszination des Bildes nach. Sie formuliert - im Bild - Innenräume, die sich mit Ober­fläc­hen­formen des menschli­chen Körpers verbinden. Sie gestaltet aber auch eine Gleichzeitigkeit verschiedener Körpersi­tuationen, ausschnitt­hafte Fragmente verschiedener Anblicke.
Der Umgebungs­innenraum wird - nicht nur im über­tra­genen Sinne - zum Spiegelbild seines Benützers bzw. Gestalters, sondern er fließt gleichsam zu einem großen umfassenden Spiegelbild zusammen. Raum und Körper treffen sich auf der Fläche des (Spiegel)Bildes. Stets handelt es sich bei diesen Bild­werken der Künst­lerin um Darstellungen eines Innenraumes, der absolut in sich abge­schlossen wirkt und keinen Ausblick nach außen in die Welt außerhalb dieser Innenraumsi­tuation in sich trägt (vgl. hierzu die Bemerkung von Adolf Loos: "Ein kultivierter Mann schaut nicht aus dem Fenster. Sein Fenster ist aus blindem Glas. Es ist nur hier um Licht herein zu lassen, nicht um hinaus zu schauen.")
Der (Ab)Geschlossenheit des Innenraumes ist die äußere Grenze des menschli­chen Körpers einge­schrieben. Rauminnen und Körpe­raußen treffen sich, sie verschmelzen inein­ander und bestimmen eine fläc­henbildhafte Bezeich­nung.
Bewußt nicht extra betont wurde bisher die zentrale Fest­stellung, daß es sich bei diesen Bild­werken des Künst­lerin um explizite Bildbe­stimmungen des Weibli­chen handelt: Alle geschilderten Körperansichten sind sofort Frau­en­körpern zuor­denbar, die wiederum alle Raumsi­tuationen im Sinne des Weibli­chen defi­nieren: nicht des biologisch Weibli­chen, sondern des kulturellen Weibli­chen.
Die Zivili­sati­ons­ge­schichte der Geschlechter schuf eine lange Kette von Zuordnungen, von Aufgaben­teilungen und Macht­teilungen, die entspre­chend tiefgrei­fend über Gene­rationen und Gene­rationen Formen und Funktionen geschlecht­li­cher Existenz fest- und einge­schrieben haben. Diese geschlechtliche Zuord­nung bezieht sich nicht allein auf körpernahe Sozi­al­formen, wie Körperhal­tung, Körperge­stal­tung, Körperbedeckung und Körpe­raccessoires, sondern inkludiert auch in besonderer Weise den diese Körper umgebenden Raum, dessen Strukturen sich wie Leitbilder - vorbildhaft - vermit­teln.
Birgit Jürgenssen gestaltet in diesen Bild­werken genau dieses sich gegen­seitige Aufprojizieren von Körper und Raum in Orientierung an geschlechtli­chen Polaritäten. Die Künst­lerin führt so eine aktuelle "gender"-Diskussion über die ausschließliche Erört­erung der körpernahen Formierungen zu Fragen der Struktur des Umgebungs­raumes. Ihre Ausein­andersetzung mit archetypi­schen Zuordnungen greift hier weit aus und bewegt sich sehr bewußt "im Raum", vermit­telt also einen bildhaft formulierten "Erfahrungs­raum" anstelle einfa­cher, linearer Entspre­chungen.
Dieser Erfahrungs­raum wird wie in einem Spiegel zusammengefaßt. - Das Bild­werk der Künst­lerin stellt jedoch nicht ausschließlich einen großen Spiegel vor, sondern ist aufge­baut aus einem genau kalkulierten Mosaik von Spiegelsequenzen.


2 "Der Moment, da der Fotograf aufhört, in den reflektierenden Spiegel (sei er real oder imaginär) zu schauen, ist der Moment, der sein Bild charakterisieren wird."
(Vilem Flusser, Kleine Philosophie der fotografi­schen Geste. 1985/1991)

Für das künst­leri­sche Werk von Birgit Jürgenssen ist das Wahrneh­mungs- wie Gestal­tungs­element des Spiegelns in Zusammenhang mit Fotografie ein zentraler Aspekt ihres Kunst­wollens. Im Sinne der Spiegelwahrneh­mung können sowohl der eigene Körper, eine entspre­chende Perspektive auf den Umgebungs­raum und seine darin befindli­chen (ange­ordneten) Objekte direkt - aktiv - zu einem Bild­ein­druck zusammengefaßt werden. Der Spiegel überwindet Distanzen und Dimensionen, der Spiegel ermöglicht auch eine direkte Erfahrung von persönli­chen Spuren - ein weiterer für das künst­leri­sche Werk von Birgit Jürgenssen absolut wesent­li­cher Begriffs­as­pekt.
Diese Spuren im "Zimmer einer Dame" setzt die Künst­lerin in eine subtile Balance zwischen Individualität und sozi­alhis­tori­scher Determi­nierung - ein Spannungs­feld, das prinzipiell auf jede Kunst zutrifft, hier jedoch explizit ange­spro­chen und zu einem genuinen Teil des Gestal­tungs­kon­zeptes verarbeitet wurde.
Birgit Jürgenssen zählt zu jenen Künst­ler­persönlichkeiten, die sehr pointiert die Erscheinungs­formen und den Spielraum des Persönli­chen, des Individuellen, auf den jeweiligen Rahmen kultureller Bestimmungen hin über­prüft. Immer wieder ertappt sich der Betrachter dabei, das zunächst als persönlich Empfun­dene als sozial vermit­telten Kontext erkennen zu müssen/können.
Gerade das Bild­werk in seiner Hinwendung zum Abwesenden (und noch in seiner Spur Vorhan­denen) wird in dieser absoluten Hinwendung zum Abwesenden (und doch in seiner Spur Vorhan­denen) wird in dieser absoluten Hinwendung zur künst­leri­schen Erfragung der kulturellen Tradition zu einer besonderen Erfahrungs­größe des Über­persönli­chen. Das abwesend Geglaubte wirkt um so nach­haltiger und massiver anwesend.
Die Bilder des "Zimmers der Dame" sind solchermaßen "Visi­tenkarten" für unendlich Viele und dennoch für jede(n) persönlich.
Das "Zimmer der Dame" ist aber auch subtiles Beispiel der bildhaften Annäherung an eroti­sche Ahnungen - eben­falls im Sinne einer körperli­chen Aura im Raum.