Birgit Jürgenssen

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Markus Schlichter

Markus Schlichter

BICASSO Jürgenssen

Markus Schlichter In: Dirk Luckow (Hrsg.): Picasso in der Kunst der Gegenwart. Köln: Snoeck, 2015, S. 348-349.

Mit den klaren Worten „Wir zeichnen“ beginnt die achtjährige Birgit Jürgenssen die erste Seite eines Schulheftes mit Skizzen nach einigen Bildern Pablo Picassos zu füllen. Seite um Seite nimmt sie sich des oeuvres des spani­schen Künst­lers an und kopiert – mal näher am Original, mal freier – die sein­erzeit viel bewunderten Werke. Insge­samt entstehen so 17 Zeich­nungen, die mit Ausnahme einer durch­ge­stri­chenen Skizze allesamt mit einer Beschrif­tung versehen wurden. Die meisten dieser Beschrif­tungen verweisen zwar auf den darge­stellten Inhalt, entschei­dend für die Wirkung der kindli­chen Zeich­nungen jedoch ist die sich wandelnde Signatur. Zunächst eignet sich das Mädchen nur den Wortklang des großen Vorbildes an und unterzeichnet mit „Birgit BICASSO Jürgenssen“, doch im weiteren Verlauf lässt sie ihren „eigentli­chen“ Vornamen fallen. „BICASSO Jürgenssen“ steht von da an für die Verschmelzung zweier Namen und zweier Welten: Einer­seits zeichnet die Achtjährige, einer nicht ungewöhnli­chen Praxis folgend, dasjenige ab, was im Umfeld einer offenkundig musisch inter­es­sierten Familie auf ihr Inter­esse stößt. Anderer­seits geht Birgit Jürgenssen einen entschei­denden Schritt weiter als vergleichbare Kinder, denn sie verlangt sich mehr ab, als nur eine Kopistin zu sein. Die kleine Künst­lerin bean­sprucht vielmehr ihren eigenen ästhe­ti­schen Raum in der sinn­stiftenden Identifikation mit der Person Picassos.

In dieser Identifikation liegt bereits ein osti­nates Motiv im späteren Werk der Wiener Künst­lerin. Immer wieder gewinnt sie schöpferi­sche Kraft aus dem Dialog mit persönli­chen Prägungen. Vor allem die kriti­sche und zugleich subtile Befragung ihrer gesellschaftli­chen Rolle als Frau – oft als Kern ihres künst­leri­schen Werks angesehen – speist sich aus der Ausein­andersetzung mit wech­selnden Vorbil­dern. Das Erschließen kulturell geprägter Bezugspunkte und deren bild­ne­ri­sche Einver­leibung nutzt die Künst­lerin zur Erweiterung der eigenen Iden­tität, indem sie ihr Ich kontinuierlich aus unter­schiedli­chen Iden­ti­täten neu synthe­tisiert. Im Bezug auf das „Frühwerk“ BICASSO Jürgenssen geschieht dieser Entgrenzungs­vor­gang dem Alter entspre­chend gewiss auf einer intuitiven Ebene, doch mit der späteren Aufnahme des „Erstlings­buchs“, wie der 1994 publizierte Faksimiledruck von der Künst­lerin bezeichnet wird, in ihr oeuvre misst Birgit Jürgenssen der kindli­chen Begeg­nung mit Picasso eine initiale Rolle für ihre zeitlebens andau­ernde Ausein­andersetzung mit den eigenen Ich-Beziehungen bei.

Mit den klaren Worten „Wir zeichnen“ beginnt die achtjährige Birgit Jürgenssen die erste Seite eines Schulheftes mit Skizzen nach einigen Bildern Pablo Picassos zu füllen. Seite um Seite nimmt sie sich des oeuvres des spani­schen Künst­lers an und kopiert – mal näher am Original, mal freier – die sein­erzeit viel bewunderten Werke. Insge­samt entstehen so 17 Zeich­nungen, die mit Ausnahme einer durch­ge­stri­chenen Skizze allesamt mit einer Beschrif­tung versehen wurden. Die meisten dieser Beschrif­tungen verweisen zwar auf den darge­stellten Inhalt, entschei­dend für die Wirkung der kindli­chen Zeich­nungen jedoch ist die sich wandelnde Signatur. Zunächst eignet sich das Mädchen nur den Wortklang des großen Vorbildes an und unterzeichnet mit „Birgit BICASSO Jürgenssen“, doch im weiteren Verlauf lässt sie ihren „eigentli­chen“ Vornamen fallen. „BICASSO Jürgenssen“ steht von da an für die Verschmelzung zweier Namen und zweier Welten: Einer­seits zeichnet die Achtjährige, einer nicht ungewöhnli­chen Praxis folgend, dasjenige ab, was im Umfeld einer offenkundig musisch inter­es­sierten Familie auf ihr Inter­esse stößt. Anderer­seits geht Birgit Jürgenssen einen entschei­denden Schritt weiter als vergleichbare Kinder, denn sie verlangt sich mehr ab, als nur eine Kopistin zu sein. Die kleine Künst­lerin bean­sprucht vielmehr ihren eigenen ästhe­ti­schen Raum in der sinn­stiftenden Identifikation mit der Person Picassos.

In dieser Identifikation liegt bereits ein osti­nates Motiv im späteren Werk der Wiener Künst­lerin. Immer wieder gewinnt sie schöpferi­sche Kraft aus dem Dialog mit persönli­chen Prägungen. Vor allem die kriti­sche und zugleich subtile Befragung ihrer gesellschaftli­chen Rolle als Frau – oft als Kern ihres künst­leri­schen Werks angesehen – speist sich aus der Ausein­andersetzung mit wech­selnden Vorbil­dern. Das Erschließen kulturell geprägter Bezugspunkte und deren bild­ne­ri­sche Einver­leibung nutzt die Künst­lerin zur Erweiterung der eigenen Iden­tität, indem sie ihr Ich kontinuierlich aus unter­schiedli­chen Iden­ti­täten neu synthe­tisiert. Im Bezug auf das „Frühwerk“ BICASSO Jürgenssen geschieht dieser Entgrenzungs­vor­gang dem Alter entspre­chend gewiss auf einer intuitiven Ebene, doch mit der späteren Aufnahme des „Erstlings­buchs“, wie der 1994 publizierte Faksimiledruck von der Künst­lerin bezeichnet wird, in ihr oeuvre misst Birgit Jürgenssen der kindli­chen Begeg­nung mit Picasso eine initiale Rolle für ihre zeitlebens andau­ernde Ausein­andersetzung mit den eigenen Ich-Beziehungen bei.