Birgit Jürgenssen

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Dieter Schrage

Dieter Schrage

Birgit Jürgenssen

In: Ausst.-Kat. Sarajevo 2000 (Wien: Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, 1998), S. 186-189

Auffal­lend an dem künst­leri­schen Schaffen von Birgit Jürgenssen ist sein Reichtum an Facetten, inhaltlich und formal. Es hat seine Wurzeln sowohl in der aufkommenden Frau­en­kunst der 70er Jahre (so z.B. in der von Valie Export kuratierten Ausstellungen 'Magna - Femi­nismus in der Kunst', 1975 in der Galerie nächst St. Stephan) als auch in surrea­listi­schen Berei­chen (so in ihrer 'Historie naturelle, Naturge­schichte' (ph1224), 1979/1980 oder in 'Schwarzer Honig der Träume' (ph730); 1989/1992) und durch­gängig seit Ende der 70er Jahre in einem weiblich bestimmten Aktionismus.
Vielfältig dabei sind auch die verwendeten Medien. Sie reichen von der Zeich­nung und Malerei über die Fotografie und multimediale Arbeiten bis zu Objekten und Körperaktionen.
Prägend für das Schaffen von Birgit Jürgenssen ab etwa 1980 ist ein in dieser Qualität in Österreich rares narratives Element (von dem 'Gedanke auf dem Bad' 1980 bis zu 'A La Recherche Du Baths Perdue' (z442) 1997).
Deutlich werden die sehr komplexen, oft verschlüsselten narrativen Elemente vor allem auch in dem repräsentativen Katalog 'Früher oder Später' zur Ausstellung in der oberöst­errei­chi­schen Landesgalerie, Linz 1998. Angeführt werden kann hier ihre multimediale Bild­tafel mit der Aufschrift 'Here or there or in the midst or nowhere' (Hubert Fichte) (ph731) aus dem Jahr 1989. Hervorzuheben ist aber besonders das 'Regal für Raymond Chandler' (s31) (1991), für welches die Künst­lerin 1991 den Text 'The place of images, is in the living body that is inseparable from thought' (abgedruckt in dem Katalog Linz 1998, S. 64). Kevin Henderson fragt in einem Interview (in Englisch abgedruckt im Katalog Linz, S. 116) Birgit Jürgenssen nach ihrem Verhältnis zu dem berühmten Krimi­nalroman-Autor Chandler:
'KH: Raymond Chandler is mentioned in the cata­logue. His ability to hold a reader's attention while describing a thoroughly ordi­nary scene is unique. Would you comment on Chandler's writing in regards to your own work. 
BJ: I was trying to simp­lify what I was doing yet also keep the complexity that Chandler attains. It allows more room for my own ideas. There is a freedom in his work that allows for movement, and I like that.'
Will ich zentrale Aspekte des künst­leri­schen Schaffens von Birgit Jürgenssen im Rahmen der knappen Darstellung auf den Punkt bringen, so kann ich fest­stellen, dass ihr künst­leri­sches Werk bestimmt ist durch ein Spannungs­feld von Projektion und Wahrneh­mung. Es sind innere und äußere, individuelle und kollektive (soziale und insbesondere weibliche) Projektionen. Und es sind individuelle und quasi kollektive (soziale) Wahrneh­mungen. Es sind 'andere', vor allem in der bestehenden Gesellschaft übergan­gene oder gar unter­drückte Wahrneh­mungen. In diesem Sinne ist das facetten­reiche Bildschaffen von Birgit Jürgenssen emanzipatorisch.