Birgit Jürgenssen

Anina Huck

Anina Huck

Birgit Jürgenssen. Don't forget June 16th

In: Thomas Trummer (Hrsg.): Ulysses. Die unausweichliche Modalität des Sichtbaren. Der Roman von James Joyce in der zeitgenössischen Kunst (Wien: Christian Brandstätter, 2004), S. 8-12.

Birgit Jürgenssen nahm den 16. Juni 1983 zur Gelegenheit, mittels eines Plakates die 79. Wiederkehr des Bloomsday in Erinnerung zu rufen. Anlass gebend war die im Jahr zuvor erschienene erschienene deut­sche Taschenbuch­ausgabe von Ulysses von Hans Wollschläger. Zu sehen sind zwei Männer, gleich gekleidet mit Mantel und Hut, jeweils in ihrer Rücken­ansicht. Durch ihre Stellung und Körperhal­tung wird der Blick frei­gegeben auf eine mit blass­grünem Filz­stift geschriebene Aufforde­rung: „ DON'T FORGET: June 16th 1983 79th Anniversary of Mr. Leopold Bloom's Day". Zunächst wirken die beiden Figuren spiegelbildlich darge­stellt, wie in einem 'Klatschbild'. Verstärkt wirkt dieser Eindruck durch zwei wie zufällig wirkende nierenförmige 'Abdrücke', links und rechts von der zentralen   Bildachse, eingebettet in Raum zwischen den beiden Gestalten. Hinweise auf Raum, Zeit oder konkreten Ort gibt es keine, außer einer Wasserlacke am rechten unteren Plakat­rand, die durch einen dünnen Strahl von rechts außen kommend genährt wird. Der findige Ulysses-Leser wird aufgrund dieser Pfütze sofort gewahr, auf welche Text­stelle Jürgenssen Bezug nimmt. Es ist eine Szene aus der Ithaka -Episode, also um etwa 2 Uhr nachts, kurz bevor sich die Wege der beiden Prot­agonisten Leopold Bloom und Stephen Dedalus trennen. Einer männli­chen Vorliebe entspre­chend, stehen die beiden nebenein­ander und `markieren` den Garten von Leopold Bloom. Der wasser­scheue Stephen und der wasserliebende Leopold lassen nebenein­ander Wasser: Auf Stephens Anregung, auf Blooms Anstiften urinierten sie beide, erst Stephen, dann Bloom, im Halbdunkel dicht nebenein­ander, wobei Ihre Harn­or­gane vermit­tels manu­eller Abdeckung gegen­seitig unsichtbar gemacht. (U 866) Nun ist einem auch die breit­beinige Stellung der beiden Männer klar, die durch den jeweiligen Mantelschlitz angedeutet wird. Verständlich ebenso die angedeu­tete Armhal­tung, welche auf die Tätigkeit der beiden verweist, sowie die leicht vonein­ander abgekehrte Haltung, um einander nicht in die Quere zu kommen. Die braune Farbigkeit, die Raum , - und die Detaillosigkeit sind Hinweis auf die nächtliche Dunkelheit. Im Kontext der Szene wissen wir, wer die Darge­stellten sind und den Grund ihrer Körperhal­tung. Wir wissen allerdings nicht, wer von beiden wer ist. Beide tragen Hüte, beide haben auch im Roman einen Hut auf dem Kopf. Gleich im ersten Kapitel setzt Stephen seinen Quartier Latin- Hut auf, (U 25) von dem er meint, er könne den Charakter ein biss­chen ausstaffieren. (U 57) Auch in Kalypso dem ersten Kapitel, in welchem Bloom auftritt, nimmt er vor dem Ausgang seinen Hut vom Haken über dem schweren Über­rock mit seinen Initialen und dem aus dem Fundbüro gekauften Regenmantel, (U 96) An Blooms langem Tag wird der Hut öfters zum versteckten Hinweis auf die amourösen Abenteuer seiner Frau. So trifft er nach dem Begräbnis von Dignam auf einen der zahlrei­chen Ex-Liebhaber Mollys. Er macht ihn auf eine Beule in seinem Hut aufmerksam - eine kleine Provokation des sonst zurückhal­tenden Bloom, die einen Faustschlag in Erinnerung ruft, den Bloom seinem Gegner einmal in einem Raufhandel versetzte ,- einer der wenigen Siege, die er davon trug. (U 157) Bei anderer Gelegenheit wird der Hut zum Sinnbild der aktuellen Rivalität mit Boylan, als sich Ihre Wege bereits zum dritten Mal kreuzen: Er äugte und sah auf der Essex Bridge fern einen feschen Hut [...]. (U 356) Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Männer ist ihre Trauerkleidung. Stephen hatte seine schwarze Hose seit dem Tod seiner Mutter nicht abgelegt. Seine Hosen sind zweiter Hand, was seinen Freund Mulligan zu der Bemerkung veranlasst, dass sie eher zweiten­beins genannt werden sollten. (U 11) Bloom trägt seine Trauerkleidung für das Begräbnis, aber der warme Morgen macht ihm zu schaffen: Besonders in dem schwarzen Zeug, spürt mans mehr [...] aber in dem hellen Anzug könnt ich ja nicht gehen. Ist ja schließlich kein Picknick. (U 76)

In Jürgens­sens Plakat tragen die beiden Männer anschei­nend einen Mantel, der Schlitz dient, wie gesagt, zur Kenntlich­ma­chung der breit­beinigen Haltung. Auf den ersten Blick gleich wirkend, ergeben sich doch Unter­schiede in der Gestal­tung. Die linke Figur wirkt robuster, mit mehr Körper und andeu­tungs­weise ist bei ihr ein Schatten zu erkennen. Die rechte Person erscheint hingegen etwas schmäler, kleiner und schwe­bender. In diesem Sinne mag vielleicht der Linke Bloom sein: Er ist der Ältere, er wünscht sich Vater eines Sohnes zu sein, und ist auch pragmati­scher als der junge vergeistigte in anderen Sphären schwe­bende, eine Vaterfigur suchende Stephen. Oder auch nicht? Die genaue Zuord­nung der beiden Charaktere ist kompliziert und unent­schieden, die beiden nierenförmigen Gebilde, die Jürgenssen in der Mitte der beiden einfügt, sind jedoch eindeutig. Sie erzählen von Blooms Leib­speise - gegrillte Hammelnieren, die seinem Gaumen einem feinen Beige­schmack schwachduftigen Urins vermit­teln. (U 73) Sie erinnern abermals an die nächtliche Tätigkeit der beiden und führen uns vor allem am Ende des Tages wieder zurück an seinen Anfang.