Birgit Jürgenssen

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Gabriele Schor

Gabriele Schor

"Ich möchte hier raus!" Birgit Jürgenssens Kunst der 1970er Jahre

In: Gabriele Schor, Angelandreina Rorro (Hrsg.), DONNA: Feminist Avant-Garde of the 1970s from Sammlung Verbund, Vienna (Ausst.-Kat. Galleria nazionale d'arte moderna, Rom), Rom 2010, S.196-213.

Birgit Jürgenssen besaß eine ausgeprägte diagnosti­sche Intuition. So erkannte sie Stereotypen und Dispositive, welche die Gesellschaft der 1970er-Jahre für Frauen bereit­hielt. Rück­bli­ckend erklärt die Künst­lerin: »Ich wollte die gängigen Vorur­teile und Rollenbilder, die Frauen in der Gesellschaft zugewiesen werden und mit denen ich immer konfrontiert war, aufzeigen und die Missverständnisse des Alltags darstellen.«1 Das Vokabular ihrer Kritik ist mannigfaltig. Sie bringt seeli­sche Empfindungen unmit­telbar oder distanziert, aber stets detailreich aufs Blatt: makaber und verzweifelt, provokant und aggressiv, ironisch und subversiv. Mitte der 1970er Jahre schuf Birgit Jürgenssen einige provokante Hausfrauen-Zeich­nungen, die heute zu den Haupt­werken der femi­nisti­schen Avant­garde gehören. Bedenken wir, dass Haus­arbeit im Gegen­satz zu Lohn­arbeit unentgeltlich ist und damit die Entwer­tung der Frau im Haushalt mit ihrer allgemein entwerteten Position in der Öffentlichkeit einhergeht. Peter Weibel gibt in seiner Analyse von Birgit Jürgens­sens Hausfrauen-Zeich­nungen zu verstehen: »Der weibliche Körper ist [...] ein Territorium der männli­chen Hege­monie und damit ein Feld der Kolonialisierung. [...] Die Zeich­nungen zeigen die sozial konstruierte Weiblichkeit als Leidens­spur einer jahrhunderte­alten Diktatur.«2 Da können schon mal Lynchfantasien aufkommen, so wird in der Zeich­nung Boden­schrubben das männliche Geschlecht sarkas­tisch als »Wasch­lappen« eingesetzt. Wörter oder Redewendungen in ihrer eigentli­chen semanti­schen Bedeu­tung buchstäblich aufzufassen und ironisch zu visualisieren, ist ein zentraler Topos in Birgit Jürgens­sens Œuvre. Wie in Lewis Carrolls Klas­siker Alice im Wunder­land, den die Künst­lerin schätzte, verkehren sich bewusst die Größenverhältnisse: Hausfrau (z401) verwandelt sich in eine übergroße Tigerin. Das klein­geistig geschrumpfte Heim erweist sich als Gefängnis und so rüttelt sie wütend am Gitter, welches nicht zufällig die Form eines Rasters aufweist. Auf der anderen Seite der Grenze fliegen zwei Vögel, als Allegorie der Freiheit. Hausfrau als Lebens­entwurf in seiner Ausschließlichkeit, d.h. die existenti­elle Reduktion des Menschen auf Haus­arbeit, beinhaltet demnach den Verlust persön­li­cher Entfal­tung.

Im Jahre 1975, auf dem Höhepunkt der »first wave«-Frau­enbewegung, schafft Birgit Jürgenssen das markante Objekt Hausfrauen-Küchen­schürze (s51), das einen Herd darstellt und noch im selben Jahr in der von Valie Export kuratierten Ausstellung MAGNA - Femi­nismus: Kunst und Kreativität zu sehen war. Im August 1975 publizierte das italie­ni­sche Maga­zine DOMUS (Nr. 549) in einer Bespre­chung dieser Ausstellung Birgit Jürgens­sens Küchen­schürze (ph1578) und den groß­formatigen Schuhsessel (s15). Gekleidet als Hausfrau, hängt sich die Künst­lerin den Herd um den Hals und trägt so die Last und Bürde der vom Patriarchat gesellschaftlich zugewiesenen eindimensio­nalen Hausfrau­enrolle. Bewusst nimmt sie sich mit dem Objekt so auf, dass sie die Fotografien zu einem Diptychon zusammensetzen kann: frontal und im Profil - wobei der hängende Herd als Metapher für Schwangerschaft und das herausra­gende Brot als Phallus­an­spielung gelesen werden können. Die Frau und der an ein Korsett erinnernde, ihrem Körper zugewach­sene, funktio­nale Gegen­stand werden schonungslos dem visuellen Zugriff ausgesetzt.

Die Fotografie Ich möchte hier raus! (ph17) gehört zu den belieb­testen Arbeiten von Birgit Jürgenssen - vielleicht weil jede(r) von uns schon dieses Verlangen verspürt hat. Nett und adrett mit weißem Spitzenkragen und Brosche gekleidet drückt sie ihr Gesicht dermaßen gegen eine Glaswand, dass ihre Wange einen Abdruck hinterlässt und ihr Atem darauf kondensiert. »Performance bedeutet für mich die Möglichkeit ein konkretes Anliegen in eine künst­leri­sche Form zu bringen«3 , erklärt Birgit Jürgenssen. Die performative Arbeit Ich möchte hier raus! veranschauli­chen die existen­zi­elle Dring­lichkeit von Grenzüberschrei­tung. Birgit Jürgenssen schreibt in einem Brief, den sie nicht zufällig am Internatio­nalen Frau­entag verfasst: »Die Frage nach der eigenen Iden­tität ist heute nicht mehr Wer bin ich?, sondern vielmehr Wo bin ich? [...] Die geschlechts­spezifi­sche Iden­tität entsteht durch den Raum, den Menschen sich schaffen, um darin existieren zu können.« Im »Akt der Überschrei­tung«4 liegt also der Versuch, ungeliebte Iden­ti­täten (Hausfrau, Ehefrau, Putzfrau) abzu­streifen, die Negation »falscher« Iden­ti­täten zu bejahen und sich somit einen selbst defi­nierten Raum zu erobern.

Für Birgit Jürgenssen war »Selb­st­ironie eine Form autobiografi­scher Stra­tegie, um subversives und dekon­struktives Poten­zial leichter zu vermit­teln«, wie sie in einem Interview erklärt. Diese Selb­st­ironie verhalf ihr »Abstand« und »Distanz« einzuhalten gegenüber den »starken Rollenkli­schees«, in denen sie aufgewachsen war.5 Selb­st­ironie übernimmt also in ihrem Werk die Funktion eines wirksamen Gegen­giftes. In vielen Arbeiten werden daher stereotype Rollenzuweisungen selb­st­ironisch unterwandert. Den restriktiven Vorstellungen mancher Femi­nistinnen entspre­chend, wie der Habitus einer emanzi­pierten Frau zu sein habe, wurde Birgit Jürgenssen öfters vorgeworfen, sie kleide sich zu modisch und schminke sich sogar (sic!). In diesem Kontext kann das mit Lippen­stift auf den Rücken aufge­tra­gene Jeder hat seine eigene Ansicht (ph16) als Jürgens­sens ironi­sche Kritik am rigiden Flügel femi­nisti­scher Bewegung gedeutet werden. In einer forcierteren Weise konterte Hannah Wilke mit ihrem legendären Plakat Marxism and Art. Beware of Fascist Femi­nism.

Die Ausein­andersetzung mit Worten, Begriffen, Redewendungen und mit der Sprache im Allgemeinen gehörte für Birgit Jürgenssen zu ihrem künst­leri­schen Alltag. In einer Fotografie aus dem Jahre 1972 stellt die Künst­lerin in verschiedenen Körperposen die vier Buchstaben des Wortes FRAU (ph1037) nach. Elisabeth Bronfen analysiert vortrefflich diese performative Arbeit wie folgt: "Die Person ist, wie Jürgenssen in "Pulsschlag einer Sinnlichkeit" fest­stellt, "ein Produkt der Kombi­natorik, die Kombi­nation ist relativ stabil und mehr oder weniger komplex"6. Tritt die Künst­lerin als Frau nur als Kompositum verschiedener verkörperter Ausdrucks­formen in Erschei­nung, wird zugleich deutlich, dass Weiblichkeit ein durch das Zusammensetzen von Bildern und Buchstaben erzeugtes Konstrukt ist, dem sich der reale Körper der Frau fügen muss. Der Begriff 'Frau' gewinnt seine Bedeu­tung dadurch, dass er von dem Begriff 'Mann' unter­schieden ist, wie das Wort 'Frau' eben­falls dadurch seine Spezifik gewinnt, dass es sich von anderen mögli­chen (aber kulturell unsinnigen) Buchstabenkon­stellationen - "Fray" oder "Brau" - unter­scheidet. Die Verdoppelung des Buchstaben durch eine Körpergeste dient Birgit Jürgenssen somit weniger jener ornamen­talen Ausschmückung, wie man sie aus der Tradition des Körpe­r­alphabets kennt, als einer Reflexion über das Verhältnis von Subjektivität und Sprache. Dem erfolg­rei­chen Aneignen von Sprache, mit dem das erwach­sene Subjekt sich des Selbs­t­ausdrucks bemächtigt, ist auch eine Geste der Unterwerfung einge­schrieben. Die Sprache hält aufrecht und fordert zugleich eine Anpassung an vorgegebene Kodes; sie schirmt ab, ist jegli­chem vermeintlich natürli­chen, freien Selbs­t­ausdruck überla­gert. Über die Sprache tritt die Person in Erschei­nung, kann sich entäußern und den Anderen mitteilen, jedoch immer nur als eine kulturell konfigurierte Gestalt, der reinen Leiblichkeit wie der reinen Affekte entfremdet."7

Im April 1974 fordert Birgit Jürgenssen den DuMont-Verlag auf, eine umfassende Antho­logie über Künst­le­rinnen zu veröff­entli­chen: »So oft ist die Frau Kunst­objekt«, schreibt sie in dem Brief, »selten und ungern lässt man sie selbst zu Wort oder Bild kommen. [...] Ich möchte einmal die Möglichkeit haben, mich nicht immer nur mit Kollegen sondern auch mit Kolleginnen verglei­chen zu können.« Solche Kolleginnen fand sie in den Künst­le­rinnen Louise Bourgeois und Meret Oppen­heim. Anders als ihre österrei­chi­schen Künst­ler­kolleginnen hat sich Birgit Jürgenssen schon früh, Ende der 1960er und Beginn der 1970er Jahre, intensiv mit dem französi­schen Surrealismus beschäftigt, den sie - wie sie selbst sagte - als "inspirative Poesie"8 auffasste. Die Ausein­andersetzung mit dem französi­schen Surrealismus war in Wien zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit, weder waren in öffentli­chen Bibliotheken all zu viele Bücher über ihn zu finden, noch war er in der Wiener Kunst­szene präsent, die vor allem durch die Wiener Schule des Phan­tas­ti­schen Realismus und in der Folge durch den Wiener Aktionismus bestimmt war. Eine der prägn­an­testen surrea­listisch anmutenden Arbeiten von Birgit Jürgenssen ist die Insze­nierung des Tier-Werdens Selbst mit Fell­chen (ph679) aus dem Jahre 1974, bei der die Künst­lerin ein präpariertes Fuchsfell über ihr Gesicht legt und ihre Lippen zu einer Schnauze zuspitzt. Diese Arbeit widmete die Künst­lerin am 17. 3. 1981 einer ihrer "Kolleginnen" mit den Worten »Für Meret Oppen­heim in Verehrung. Birgit Jürgenssen« in der Vorzugs­ausgabe ihres Kata­loges 10 Tage - 100 Fotos von 1980.

Birgit Jürgens­sens Affi­nität zum Surrealismus ist in ihrem gesamten Werk präsent, ebenso ihre Vorliebe zum französi­schen Struktu­ralismus, der Psychoanalyse und der Ethno­logie. Ein einheit­li­cher und wieder erkennbarer Stil war ihr weniger wichtig als die Lust am Experimentieren, die sich in vielfältigen Arbeits­me­thoden mit dem fotografi­schen Mate­rial widerspiegelt. Grundsätzlich ziehen sich Insze­nierungen des weibli­chen Körpers im Lichte von Maske­rade, Verkleidung, Fragmentierung, Fetisch und Tier-Werdung motivisch durch Birgit Jürgens­sens Schaffen. Dabei ist faszi­nierend zu beobachten, wie es ihr gelingt, ihr Werk am Schwel­lenraum zwischen Moderne und Postmoderne zu situieren. Eine spezifi­sche sozi­alpoliti­sche Haltung hat sich Birgit Jürgenssen auch nach den 1970er Jahren bewahrt. Denn auf die Frage, ob »sie sich als femi­nisti­sche Künst­lerin bezeichnen würde«, antwortete Birgit Jürgenssen ein Jahr vor ihrem Tod: »Im Sinne der Bewusst­werdung, Analyse und Dekon­struktion von herr­schenden Theorien und Repräsentati­ons­systemen - ja.«9


Dieser Text ist eine veränderte Kurzfassung meines Essays: »Ich bin.« Zum Wandel künst­leri­scher Eigen­iden­tität bei Birgit Jürgenssen, erschienen in: Gabriele Schor und Abigail Solomon-Godeau (Hrsg.), Birgit Jürgenssen (Ostfil­dern: Hatje Cantz, 2009).