Birgit Jürgenssen

Markus Mittringer

Markus Mittringer

Ein Nachruf. Birgit Jürgenssen (1949-2003)

In: Der Standard, Wien, 27./28.9.2003, S. 36.

'Ich weiß nicht' (ph2212) nannte sie eine ihrer letzten Ausstellungen. Das war im November 2001 in der Galerie Hubert Winter. Früher oder Später nannte Birgit Jürgenssen 1998 eine Zusammenschau ihrer Arbeit im Oberöst­errei­chi­schen Landesmuseum. Vergan­genen Donnerstag ist Birgit Jürgenssen in Wien gestorben. Jeder hat seine eigene Ansicht (ph16) (1975) steht auf ihrem Rücken geschrieben, den sie uns noch einmal zeigen wollte. Zum Abschied. Zur Erinnerung an viele Bilder.
Bilder von sich, die sie erfunden oder vorgefunden hat. Bilder, um bloßzulegen, was und wer sich einschreibt, prägt, manipuliert, braucht, missbraucht, liebt, verachtet, vorbeigeht, hängen bleibt, begehrt, ihr abverlangt, sie in Beschlag nimmt, sie erfüllt. Bilder, sich täglich von neuem selbst zu (er-)finden. Als Verge­wisserung des Seins, als Möglichkeit, sich nicht im Grau zu lösen, nicht im Alltag zu vergehen, nicht nach­zugeben und hinzu­nehmen.
Stellvertre­tend hat sie ihren Körper publik gemacht, ihre Haut gegeben, für uns die unzähl­igen Projektionen aufzufangen, die auf sie, die auf jede Frau gerichtet sind. Ich weiß nicht, wusste sie, ist jener Satz, der all den Helden fehlt, die täglich diese Welt vernichten. Women's work is never done , wusste sie auch, und sezierte lächelnd weiter am Gesellschaftskörper, obwohl sie doch mit Lawrence Weiner schon einen Mann auf die Seite der Damen gebracht hat. Ein Etap­pen­sieg. Zu wenig.
Ich weiß nicht , wusste sie, ist der einzige Zustand, Zukunft zu ermögli­chen, die Weigerung, sich festzulegen, der entschei­dende Schritt in Rich­tung Morgen, der Verzicht anzu­klagen, der Weg, Gerechtigkeit zu installieren.
Birgit Jürgenssen hat in Konstellationen gedacht, in den Beziehungs­fel­dern gegraben, die sich zwischen den Geschlech­tern und ihren so opponierenden Ding- und Symbolwelten aufbauen. Mit ihrem Körper als Mittler, nicht als abzubildendes Objekt, sondern als Gegen­stand der Beziehung, mit anderen, als Projekti­ons­fläche sozialer Ordnungen, als Ziel männ­li­cher Obsessionen, als Rezeptor von Lust und Schmach, als zugleich Manipulierter und Manipulierer.
Reflexionen auf den Mythos der Macht männli­chen Wunschdenkens haben sie dorthin gebracht, die angewiesene Rolle der Verführten nicht länger hinzu­nehmen, sondern ihrer­seits zu verführen. Wer in ihrer Arbeit Realität sucht, wird Illusion finden, wer manisch den Schleier zu lüften trachtet, den Verlust der Sinnlichkeit erfahren müssen.
Birgit Jürgenssen hat uns nach­haltig verzaubert, uns bestärkt, Zweifel zu hegen.