Birgit Jürgenssen

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Peter Noever

Peter Noever

Lust auf Kunst

In: Peter Noever (Hrsg.): Ausst.-Kat. Birgit Jürgenssen. Schuhwerk. Subversive Aspects of 'Feminism' (Wien: MAK, 2004), S. 5-6.

Sie entzog sich gewohnten Ordnungs­systemen, überschritt Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt, Objekt und Körper, Realem und Surrealem und nahm sich trotzdem die Freiheit, direkt zu sein. Birgit Jürgenssen (1949-2003) zählt neben Valie Export zu jenen österrei­chi­schen Künst­le­rinnen, die in den 70er Jahren begannen, gesellschaftliche Dogmen und kulturelle Interpretationen von Weiblichkeit in Frage zu stellen. In ihrem Kunst­wollen lehnte sie sich gegen die Gegenpole einer Kunst­szene zwischen Erstarrung und entfesseltem Aktionismus auf und nahm damit gerade in Wien eine bedeu­tende Haltung ein. Birgit Jürgenssen agierte stets im Dialog. Sie trat in Beziehung, mit sich selbst, mit dem Gegenüber, mit dem Objekt. Sie trennte nicht zwischen Raum, Kunst und Körper, sondern setzte sich selbst als Ausdrucksmittel ein. Kunst war bei ihr nie künstlich. Kunst und Leben wurden bei ihr immer mehr zu einer symbioti­schen Einheit.

Wenn Birgit Jürgenssen hoch­ha­ckig die engen Gassen der Wiener Innen­stadt durch­querte, fühlte man sich zu ihr hingezogen, bevor man sie noch wirk­lich wahrnehmen konnte. Ihren Auftritten bei künst­leri­schen Ereig­nissen in dieser Stadt oder in fernen Metropolen verlieh sie ihren Stil überzeugender Kunst­sinnigkeit. Es war ihre grenzen­lose Offenheit gegenüber Neuem, ihre untrügliche künst­leri­sche Sensibilität, ihre eigene 'Jürgenssen'sche Sinnlichkeit' und ihre Lust auf Kunst, die entfesselte.

Diese lustbetonte Sinnlichkeit ist es auch, die einen beinahe vergessenen Teil ihres künst­leri­schen Werks, ihre Schuh-Skulpturen, so anzie­hend macht. Die Malerin, Fotografin, Lehrerin, Video-, Objekt- und Körperkünst­lerin Birgit Jürgenssen hat in den Jahren von 1973 bis 1976 eine Werk­gruppe von Schuh-Skulpturen und Schuhzeich­nungen geschaffen. Rund um den 'Schuhsessel' (s15)- ein Objekt, das je nach Betrach­tungs­weise überdimensio­naler Damen­schuh oder verführ­eri­scher Sessel ist- werden 15 Schuh-Skulpturen gezeigt: Schuh-Behausungen, Schuh-Architekturen für Elfenfüße (s2), die trotz ihrer Fragilität einen 'standfesten' Eindruck ästhe­ti­scher Gewissheit vermit­teln.

Die Schuhe als Teil des künst­leri­schen Oeuvres Jürgens­sens waren nach einer Ausstellung 1976 in der Kunst­halle Nürnberg lange vergessen. Wenngleich Birgit Jürgenssen eine persönliche Obsession für schöne Schuhe pflegte, wollte sie keineswegs als 'die mit den Schuhen' apostro­phiert werden - und zog einen temporären Schluss-Strich unter diesen Teil ihres Werks. Der schwerwiegendere Grund für diesen Schritt aber lag in der künst­leri­schen Stimmungs­kultur der 70er Jahre. Die Frau spielte in der Kunst­produktion eine unter­ge­ordnete Rolle, galt als Appendix männlich domi­nierter Kunst­strömungen.
Künstler, die damals die ästhe­ti­sche Diskussion domi­nierten, unter­stellten implizit, dass diese Schuhobjekte lediglich eine Spielerei seien. Das ließ sich Birgit Jürgenssen nicht nach­sagen und packte die wertvollen Kleinode für zwanzig Jahre in Schuhschach­teln. Erst Mitte der 90er Jahre wurden die Schuhe wieder­entdeckt.

Birgit Jürgenssen, 2003 verstorben, hat dem MAK ihr legendäres Auto vermacht (ph2212), einen gelben R4 Baujahr 1976: ihr Markenzei­chen, das einmal als ihre 'zweite Haut' bezeichnet wurde. Fasst man dies in einem erwei­terten Kontext auf, so ergeben sich Zusammenhänge, die weit über Testamen­tari­sches hinausrei­chen - im Sinne von Körperlichkeit, von Identifikation. Denn Birgit Jürgenssen lässt sich ungeachtet des Sublimen, das ihre Werke ausstrahlen, als radikale Erfor­scherin des weibli­chen Körpers und dessen kultureller Konstruktionen anspre­chen - für das MAK bedeutet dies Auftrag und Verpf­lich­tung, solche Sichtweisen auch weiterhin zu thematisieren.