Birgit Jürgenssen

Achim Manthey

Achim Manthey

Bilder auf nackter Haut - subversiv, ironisch, weiblich

www.kultur-vollzug.de, 10.5.2012.

Eine Ausstellung in München zeigt Arbeiten der österrei­chi­schen Künst­lerin Birgit Jürgenssen aus der Reihe "Körper­pro­duktionen" und stellt eine fast Unbekannte vor - ein Glücksfall.

Die Welt ist rund. Der menschliche Körper, zumal der weibliche, ist es hin und wieder auch. Das macht sich Birgit Jürgenssen zunutze. Eine stilisierte Erdkugel hat die Künst­lerin auf ihrem Bauchnabel plaziert, links­drehend umkreist von einem überdimensionierten Sputnik (ed14). Auf einem anderen Bild liegt das aus Daumen und Zeigefinger gebildete, kreisförmige Verächtlichkeits­zei­chen auf einer flach ausgebreiteten Hand mit ange­s­preizten Fingern (ed39); Das Motiv findet sich auf einem weiteren Bild wieder, dort auf einem Ober­schenkel (ed21).

Die Reihe "Körper­pro­jektionen", 1987/88 entstanden, zeigt Fotos von Fotos. Die Künst­lerin hat hierbei Zeichen, Schatten, Zeich­nungen oder Symbole auf ihre nackte Haut projiziert. Entstanden sind Arbeiten voller poeti­scher, sinn­li­cher, rätselhafter, auch ironi­scher und kämpferi­scher Anspielungen, in denen es um den Körper der Frau als Projektion und Projekti­ons­fläche geht. Gefäß- und Vasen­formationen für die Ikonografie des Weibli­chen kommen vor, andere Fotografien geben die Frau als Raubtier wieder.

Birgit Jürgenssen wird 1949 in Wien geboren. Von 1968 bis 1971 studiert sie dort an der Hoch­schule für angewandte Kunst, wo sie von 1982 bis 1997 verschiedene Lehr­auf­träge wahrnimmt. Die Lehrtätigkeit ist ihr enorm wichtig. Das mag der Grund dafür gewesen sein, dass ihr Oevre zu Lebzeiten nicht die verdiente Anerken­nung fand. 2003 erliegt sie in Wien einem Krebsleiden. Erst nach ihrem Tod beginnt ihr Lebens­gefährte und Galerist Hubert Winter mit der systemati­schen Sicherung und Aufberei­tung des künst­leri­schen Nach­lasses. 2010 gab es eine erste große Retro­spektive in Wien zu sehen.

Die Künst­lerin zählt heute zu den wichtigsten Prot­agonisten der österrei­chi­schen Avant­garde. Femi­nistin im Herzen, nutzt sie die Möglichkeiten, die der Surrealismus der Emanzipation bietet, zur Ausein­andersetzung mit gesellschafts­kri­ti­schen Themen und der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Sie greift dabei bewußt tief auch in den Topf der Symbolik. Der Einsatz von Humor und Ironie als Ausdrucks­formen stellt für sie dabei keinen Wider­spruch dar. "Frauen und Ironie ist, so wie Frauen und Humor, nach wie vor ein Tabu­thema", sagte sie einmal. " Der Preis dafür ist, auf weiten Stre­cken nicht ernst genommen zu werden."

Die Schachfiguren Dame und König sind in ihrer Gegensätzlichkeit punktgenau auf die weibli­chen Waden gebaut (ed23). Dass es auch anders geht, spaßfrei nämlich, beweist sie mit zwei Bildern, in denen die Frau durch auf den Rücken gepinnte Fotos zur Raubkatze stilisiert wird (ed27) oder deren Brüste in einen Drahtkäfig verspannt sind (ed31). Sehr zärtlich, poetisch wiederum ist die Darstellung einer Wirbel­säule auf ihrer, der echten Wirbel­säule (ed40). Das ist zauberhaft.

Die Münchner Ausstellung zeigt mehr als 20 Aufnahmen der aus 60 Bildern bestehende Reihe. In dieser Fülle war das bislang nicht zu sehen. Die Schau stellt eine weitgehend Unbekannte vor und ist in jeder Hinsicht span­nend und beachtenswert.

Bis zum 26. Mai 2012 in der Galerie Jordanow, Fürs­ten­straße 11 in München, Mi-Fr 14-19 Uhr, Sa 10-16 Uhr. Eintritt frei.