Birgit Jürgenssen

Rainer Metzger

Rainer Metzger

Nachlass zum Nachdenken

www.artmagazine.cc, 04.12.2006

Galerie Hubert Winter: Birgit Jürgenssen - Fotos, Rayogramme, Polaroids und Solargrafiken aus den 1970er Jahren

Man kennt das ja mit den Hinterlas­senschaften. Man stelle sich vor, Robert Musil hätte es jemals zu einer Art Ende gebracht mit seinem 'Mann ohne Eigenschaften', er hätte keinen 'Nach­lass zu Lebzeiten' edieren können, denn es wäre womöglich auch kein post­humer angefallen. Oder Kafka: Nicht auszudenken, hätte sich Max Brod an die berühmte Verfügung gehalten und ein Stück Welt­li­teratur wäre dem Vergessen in den Rachen geworfen worden.

Hubert Winter ist es zugefallen, sich um das Vermächtnis seiner langjähr­igen Lebens­part­nerin Birgit Jürgenssen zu kümmern, und hier ist seiner­seits eine veritable Planung, um nicht zu sagen Konstruktion von Nach­lass nötig. In seiner Galerie präsentiert Winter nun erste Extrakte aus dem umfang­rei­chen Konvolut. Birgit Jürgens­sens spezi­elle Qualitäten eines Oeuvres mit, unter und nach dem Femi­nismus sind mittlerweile erkannt und könnten perfekt einge­speist werden in die Gefräßigkeit von Angebot und Nach­frage. Doch die Frage ist zweifellos, ob Birgit Jürgens­sens urei­gene Mentalität, ihre Nach­denk­lichkeit und ihr Hang zum Inne­halten dem nicht entge­gen­stehen. Die Behut­samkeit, deren es bedarf, um eine der wichtigsten weibli­chen Positionen in Österreichs Kunst des 20. Jahrhunderts in das ihr gebüh­r­ende Licht zu rücken, bleibt in Winters Mise-en-scène jeden­falls gewahrt.

So sind für den Moment in erster Linie Foto­arbeiten zusammengekommen, Polaroids, Pocket­formate und sowieso eher Kleindimensioniertes, Beispiele insge­samt aus Birgit Jürgens­sens früher Arbeit, in der das Tastende, Suchende und sich selbst Umkreisende, das sie ohnedies nie losließ, in voller Kenntlichkeit dasteht. Kame­r­a­perspektiven in den Spiegel (ph673), lapidar, dem Augen­blick geschuldet, in Schnapp­schussästhetik werden einzeln und in Dreier-, Vierer-Kombi­nation vorgeführt, alles ohne die übli­chen Kunst­markta­vancen mit Blow Up, Kaschierung und Alu-Bond. Einzig die Passepartouts werfen einen Schimmer mögli­cher Kostbarkeit. Doch von Prätention keine Spur.

In ihrer Noncha­lance und Zurückhal­tung passt diese Präsentation wunderbar zu Birgit Jürgenssen und den dreissig Jahren ihres Schaffens. Ein Nach­lass zur richtigen Zeit. Jetzt muss noch ein Museum kommen und ihn übernehmen. Zur Gänze.