Birgit Jürgenssen

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Brigitte Werneburg

Brigitte Werneburg

"Nest"-Räuber Maurizio Cattelan

www.taz.de, 15.07.2010.

Der bloße Verdacht, er könne gestohlen haben, sei eine Unver­schämt­heit. Das will Maurizio Cattelan wohl sagen, wenn er an Gabriele Schor, Leiterin der Sammlung Verbund in Wien, schreibt: "The mere suspicious that I can have used consciously the work of an other colleague is an insinuation that I can't bear."Ansonsten solle sie sich doch an seinen Galeristen Massimo De Carlo in Mailand wenden. Das war's dann.

Soeben ist die erste Ausgabe der neuen, halbjährlich erschei­nenden Kunst­zeitschrift TAR (www.tar-art.com) erschienen. Und glänzt gleich in ihrer Cover-Story über den Starkünstler Maurizio Cattelan mit einem handfesten Plagiat. Seine neue Arbeit "Nest" (unser Ausriss) hat nicht nur ihren Titel mit einer 1979 von Birgit Jürgenssen (1949-2003) geschaffenen Foto­arbeit gemein (ph1197). Nein, Cattelans Arbeit gleicht ihr bis aufs I-Tüpfel­chen. Die hoch inter­essante Frage, wie er das nun unbewusst hingekriegt haben will, die Arbeit eins zu eins neu (nach) zu erfinden, kann Maurizio Cattelan natürlich Mangels Masse (an stichhaltigen Argu­menten) nicht beantworten.

Birgit Jürgenssen zählt zu den international herausra­genden Vertrete­rinnen der femi­nisti­schen Avant­garde. Inspi­riert vom emanzipatori­schen Poten­zial des Surrealismus, der Freud'schen Psychoanalyse und dem gesellschafts­kri­ti­schen Diskurs der 68er Gene­ration, der sie angehörte, entwickelte die in Wien geborene Künst­lerin seit dem Ende der 1960er Jahre eine viel­schichtige und stilistisch mannigfaltige Kunst. Der weibliche Körper und seine Meta­morphosen stehen im Zentrum ihrer subtilen zeich­ne­ri­schen, maleri­schen und fotografi­schen Arbeiten. Ihre Arbeit "Nest", die sich im Besitz der Sammlung Verbund befindet, die das Werk der Künst­lerin umfassend sammelt, wurde vielfach ausge­stellt, zuletzt in der Ausstellung "Donna: Avanguardia femmi­nista negli anni '70" (die taz berich­tete am 20. 3. 2010).

Plagi­atsvorwürfe sind nichts Neues für Maurizio Cattelan. Bislang kam er damit durch. Wie die Beispiele seiner Exfreundin, der Performancekünst­lerin Vanessa Beecroft, Fran­cesca Woodman und nun Birgit Jürgenssen zeigen, berei­chert er sich klugerweise besonders gerne am Werk von Künst­le­rinnen. Das honoriert der Kunst­betrieb: Schließlich bringen gute Ideen nur unter männ­li­chem Namen so richtig fetten Umsatz. Man wende sich an Cattelans Mailänder Galeristen.