Birgit Jürgenssen

Maria Sagmeister

Maria Sagmeister

Strumpfband versus Stöckelschuh

In: Unique, Ausgabe 02/11, Februar 2011.

Birgit Jürgenssen und Valie Export – zwei künst­leri­sche Herangehensweisen an Geschlech­terverhältnisse zwischen Subversion und Fron­tal­angriff

Derzeit ist in Wien eine ungewohnt große Zahl an femi­nisti­schen Kunst­schaf­fenden ausge­stellt. Das Bank Austria Kunst­forum zeigt Birgit Jürgenssen, in der Kunst­halle sind verschiedene Künst­le­rinnen der Pop-Art zu sehen und Valie Export stellte dieses Jahr bereits im Belvedere und im Lentos Museum in Linz aus. Sie alle werden unter dem Schlagwort „femi­nisti­sche Kunst“ gehandelt, dennoch sind sowohl künst­lerisch als auch inhaltlich sehr unter­schiedliche Ansätze und Stra­tegien vertreten.
Valie Export und Birgit Jürgenssen sind beispielsweise zwei Künst­le­rinnen, die viel gemeinsam haben und doch unter­schied­li­cher kaum sein könnten. Sowohl Export wie auch Jürgenssen waren in bzw. seit den 1970er Jahren in Wien als Künst­le­rinnen aktiv, beide werden explizit als feminis-tische Künst­le­rinnen begriffen – dennoch ist, trotz vieler Parallelen, ihr Kunst­schaffen stark von unter­schiedli­chen Stra­tegien geprägt: Während Valie Export vor allem durch ihre tabubre­chenden öffentli­chen Aktionen berühmt wurde, arbeitet Jürgenssen vielmehr subtil.
Valie Export ging seit Beginn ihrer künst­leri­schen Karriere stark in die Öffentlichkeit und versuchte bewusst, und mit Erfolg, ihren Namen als Marke zu etablieren. Sie zählt heute zu den bekann­testen Künst­le­rinnen der Akti­ons­kunst und ist auch einem kunst­fernen Publikum, unter anderem als femi­nisti­sche Ikone, ein Begriff. Birgit Jürgenssen hingegen war lange Zeit unbekannt, die große Einzel­aus­stellung im Kunst­forum ist erst die zweite Retro­spektive und als Besu­cher_in hat mensch seine/ihre Ruhe, denn die Ausstellung ist leider schwach besucht.
Ein zweiter Blick lässt den Fokus weit tiefer in das Werkinnere fallen, denn Jürgenssen und Export vertreten auch inhaltlich divergierende Positionen. Während in Exports Werk, speziell im bekannten Früh­werk, stark auf den Subjekt­status der Frau hinge­arbeitet wird, ist bei Jürgenssen ein plura­listi­scher Iden­ti­tätsbegriff fassbar.
Ein Beispiel sind Exports Körperkonfigurationen. Die Künst­lerin fotografiert darin ihren eigenen Körper in eigenwil­ligen Posen, die sich der jeweiligen Umgebung und Architektur anpassen, so ergibt sich beispielsweise der kniende Körper der Stufen­form des Theseustempels im Wiener Volksgarten – eine Verbildli­chung der Konditionierung weib­li­cher Körper, wie sie in einer männlich domi­nierten Mehrheits­gesellschaft durch die Erfüllung fremdbe­stimmter Erwar­tungen und ständige Wieder­holung vorgefertigter Verhal­tensmuster eintritt, zum Beispiel im Unterliegen unter Schönheits­zwänge.
Valie Export macht klare Aussagen, Jürgenssen hingegen liebt das Wort­spiel. Zum einen ist die Ausein­andersetzung mit Sprache in ihrem Werk eine Konstante, zeich­ne­risch behütet sie den Augapfel und trägt das Match mit sich selbst aus. Aber auch in vielerlei anderen Bezügen tendiert sie zu plura­listi­schen Bedeu­tungs­ebenen. Anders als Export geht es bei Jürgenssen nicht nur um die den herr­schenden Geschlech­terverhältnissen inhärente Unter­drückung der Frau – sie spielt genauso auf andere Dichotomien wie etwa Mensch und Tier, Natur und Kultur an, und unter­läuft so ein System von Dualitäten in seiner Gesamt­heit, welches auch die momentane Geschlech­ter­ord­nung binär organisiert. Jürgenssen arbeitet mit subtilen (teils selbst-)ironi­schen Mitteln und ist so in ihrem Umgang mit Geschlech­terrollen und Sexualität im Feld subversiv parodisti­scher Methoden zeitgenössi­scher Künstler_innen, aber auch Theoretiker_innen zu verorten. Diese subversive Ironie zeigt sich in Jürgens­sens Serie Schuh­werk: sie fertigt aus verschiedensten Mate­rialien Schuhe, durch die sie durch geschickte Verwendung von Mate­rial und Form den Fetischcha­rakter der Modewelt und die Feti­schisierung der weibli­chen Sexualität entlarvt, während sie gleichzeitig inter­essante und ästhe­ti­sche Objekte schafft.
Auf die Spitze getrieben wird der Vergleich im Umgang mit dem eigenen Körper, den als künst­leri­sches Mate­rial selbstbe­stimmt zu bearbeiten kennzeichnend ist für die femi­nisti­sche Kunst der 70er Jahre. Aber gerade hier zeigt sich ein unter­schiedli­ches Verhältnis von Iden­tität und Körper – Export greift in radikaler Form in den eigenen Körper ein, sie trägt am Ober­schenkel ein eintätowiertes Strumpf­band, eine klare Kritik an der Sexualisierung des weibli­chen Körpers. Jürgens­sens Körper­pro­jektionen hingegen, in denen sie mittels Overhead­projektor ihren Körper zur Projekti­ons­fläche verschiedener Bilder, Themen, Masken macht, lassen Grenzen von Körperlichkeit verschwimmen und stellen den Körper als mit beliebigen Iden­ti­täten bespielbare Bühne dar, eine Arbeit, die in sich prozess­orientiert und veränderbar ist.
Der Kontrast, den diese beiden Positionen bilden, macht auch jenseits der unter­schiedli­chen femi­nisti­schen Perspektiven greifbar, wie vielfältig sich die Rolle von Kunst innerhalb sozialer Bewegungen und gesellschaft­li­cher Ausein­andersetzung gestalten kann.