Birgit Jürgenssen

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Elisabeth von Samsonow

Elisabeth von Samsonow

Sparta unterm Schminktisch

In: Eikon, Internationale Zeitschrift für Photographie & Medienkunst, Heft 28, 1999.

Die berühm­teste Ringerin des alten Grie­chen­lands – ein Land, das selbst die Intel­lektuellen nicht von der Pflicht, mit Gegnern zu ringen, ausnehmen konnte – war Atalante. Von ihr schreibt Apol­lodor: “Als Atalante aber herangewachsen war, bewahrte sie ihre Jungfräulichkeit und lebte als Jägerin bewaffnet in der Wildnis. Die Kentauren Rhoikos und Hylaios versuchten einmal, ihr Gewalt anzutun, fanden aber durch ihre Pfeile den Tod. Auch zur Jagd auf den Kalydoni­schen Eber stellte sie sich mit den Helden ein, und im Kampf­spiel zu Ehren des Pelias besiegte sie den Peleus im Ringkampf.” (1) Die weibliche Heldin tritt an zum Kampf gegen die Helden, die jungfräuliche, athenegleiche (in Sparta waren Mädchen zum Ringen zugelassen) – was ist, wenn sie sich mit ihres­glei­chen schlägt? Die eroti­sche Assoziation, die das strenge Ringen mit dem Helden so unver­gleich­lich macht, wird um das Thema “Kollision im Begehren” erwei­tert. Denn im Falle zweier kämp­fender Frauen scheint der Mann, um den gerungen wird nicht weit zu sein. – der Bedeu­tungs­fluß geht also in die Rich­tung eines den Anlaß zur Handgreiflichkeit liefernden Manns. (ph1554) Gingen aber drei oder mehr Frauen gegenein­ander an, stehen die Dinge wiederum anders. Das ist dann nicht mehr die weibliche Schlammschlacht, eine Orgie ausgelöst von niederen Eifersüchten und Neidgefühlen. (2)

Architekturen affektiver Kilopond-Koeffizienten Im Modell dreier inein­ander geschlun­gener Frauen erin­nert man die drei Grazien, die die sagenhafte Dreizahl in der eleganten Form bebil­dern; die dunk­lere Vari­ante wird von den drei Parzen besetzt, die am Schicksal weben. Die helle, aber auch die düstere weibliche Trinität reflektieren eine in verschiedenen Aspekten erschei­nende Göttin der alten Kulturen, wobei die Struktur ihrer Darstellungen eher von Koope­ration als von Konkurrenz geprägt ist. (ph1567) Birgit Jürgenssen nimmt als Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ihre eigenen Photographien dreier weib­li­cher Aktmodelle, die in einer legendären Aktion der ehemaligen Meis­ter­schule Rainer sich gegen­seitig buchstäblich in Angriff nehmen sollten. Die Kompositionen der drei Figuren, Architekturen affektiver Kilopon-Koeffizienten, sprengen den Rahmen des bisher im Archiv weib­li­cher Pathos­formeln gespei­cherten. Man ahnt, daß hier eine Ikono­logie entwickelt werden müßte, die ein neues Kämpfertum neuer Frauen zu erfassen in der Lage wäre, eine neue Ikonik interner Frau­en­ange­legenheiten und des ihnen einge­schriebenen Stils des Rankings. Was die unmit­telbare Evidenz der Kompositionen und ihrer affektiven Töne zu denken gibt, ist die Frage, ob erstens hier nur eine Art Kopie männli­chen Ringens vorliege, also ein mime­ti­sches Sich-hinein-Raufen in die Konkurrenz­spiele männ­li­cher Machtmen­schen, und dann zweitens, ob nicht bei drei Ringe­rinnen jede Entscheidung, welche nun im Singen eines altmodi­schen Siegens die Stärkste und Beste wäre, schon aus Gründen der mit der drei stets gegebenen Zirku­larität verhindert würde, ob also vielleicht das Ringen dreier Frauen (wobei die Zahl der Teilneh­me­rinnen unter Umständen auch erhöht werden könnte) eine Einrich­tung zur Aufhebung und Unschädlich­ma­chung ihrer kämpferi­schen Kräfte sei? Sosehr auch die Bilder von einer wilden Weiblichkeit vor deren Zähmung spre­chen, könnten sie doch auch die Choreographie der in sich verhakten mime­ti­schen Konkurrenz nach der vorläufigen Befreiung au seiner allzu gelun­genen Zähmung augenfällig machen. (ph1783)

Jürgenssen hat die Bilder der Erden­schwere, die ringenden Frauen anhaftet und sie gewissermaßen herun­terzieht, entledigt und sie in ein leich­teres, luftiges Sein aufrü­cken lassen, indem sie die emblemati­schen und in ihr energeti­schen Ballung doch statuarisch wirkenden Gruppen mit Flüssigkeiten zur Interaktion gebracht und dann photographiert hat. Ort der Wandlung ist das Leuchtfenster eines overhead projector, wo die Trans­pa­rente der Ringe­rinnen mit feinen farbigen Badeessenzen getränkt sich auf unvorhergese­hene Weise weitermalen, sich der strenge Bau der Leiber, Zustände und Gefühle in Farbfle­cken und anor­gani­schen Ornamenten auflöst. Die einander entgegen­gesetzten Welten des durch und durch Un- oder Akosme­ti­schen (des weibli­chen Ringens, also nackter, sich anstren­gender Frauen – nicht gerade ein Haupt­thema von Vogue) und die des Kosme­ti­schen (Badeessenzen, verlau­fende Farben, wohlrie­chende, leicht kleb­rige Flüssigkeiten zum Sich-schön-Machen) werden wirk­lich in der Projektion auf die wand fusioniert, so daß die Photographien den Eindruck hinterlassen, man halluzi­niere in den Tiefen eines Schminktischs bereits genau das, wogegen (oder besser: wofür) man (sich) anmalt. Im Fond der Kosmetik erblickt man die wilde Natur unmit­telbarer Handgreiflichkeit, als deren sublimierte Form das friedliche Hantieren mit den schönen Ölen gelten kann. Rauft sich, wer das Schöne will, ästhe­tisch nach oben?

1 Zitiert aus Ringen. Texte, Übersetzungen und Kommentar von G. Doblhofer, W. Petermandl, U. Scha­chinger (Quel­len­dokumentation zur Gymnastik und Agonistik im Altertum, bd. 6, herausgegeben von 1. Weiler), Wien, Köln, Weimar 1998, S. 22.

2 Neuerdings werden solcherlei Kämpfe im amerikani­schen Fernsehen in Form einander komplett demontierenden Trickfilmpüppchen – unschwer als Darstel­le­rinnen etwa von Madonna und Uma Thurman zu erkennen – aufgeführt.