Birgit Jürgenssen

English
Yuki Higashino

Yuki Higashino

Birgit Jürgenssen. Galerie Hubert Winter

In: Frieze, Ausgabe 9, April - Mai 2013.

Vier dünne Eisenstäbe sind zu einem sauberen Rechteck zusammen­ge­schweißt (ph937) – ein matt poliertes Teil, das robust und indus­triell, dabei aber durchaus elegant wirkt. Auf der Ober­fläche ist etwas Rost zu erkennen und einige Macken, hervor­gerufen von der jahrzehn­te­langen Lagerung. Man hat es hier aber weniger mit einer vergessenen minima­listi­schen Skulptur zu tun – wie man vielleicht vermuten könnte –, sondern mit einem Rahmen, der eigens für eine Fotografie der 2003 verstorbenen Birgit Jürgenssen angefertigt wurde. Die Fotografie ist Teil der Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre entstan­denen Serie Stoff­arbeiten, Foto­dru­cken, die auf gespannte Leinwand aufgezogen wurden.

Die Leinwände wiederum sind direkt auf die von der Künst­lerin angefertigten Eisenrahmen geschraubt. Anstelle einer Glas­scheibe verwendete sie dünne, durch­schei­nende Gewebe wie Gaze oder Voile (daher der Titel der Serie), was die Bilder gleichsam verschleiert und ihnen einen dunstigen Schimmer verleiht. Die Fotogra­fien selbst ergeben zusammen eine Art Kompendium experimenteller fotografi­scher Verfahren, es sind Fotogramme vertreten und Cyanotypien, Solarisationen und Mehrfachbe­lich­tungen. Insge­samt umfasst die Ausstellung 19 Reihen mit jeweils ein bis 15 Bildern aus dieser Serie.

Beein­dru­ckend ist die skulptu­rale Präsenz dieser Fotografien. Das Aufein­ander­treffen von hart zusammen­ge­schweißtem Eisen und zarten Stoffen verstärkt besonders die taktilen Aspekte und macht wieder einmal deutlich, dass Bilder ebenso Objekte sind und Ober­flächen eines Trägermate­rials bedürfen – ein zwar offenkundiger, aber in der theoreti­schen Ausein­andersetzung mit Fotografie dennoch allzu oft überse­hener Umstand. Mit ihrer eigenwil­ligen Form der Rahmung gelingt es Jürgenssen nicht zuletzt, die Art und Weise, in der mate­ri­elle Bedingungen die Rezep­tion eines Bildes beeinflussen, ins Zentrum zu rücken – und darauf intel­lektuell und ästhe­tisch eine Antwort zu geben.

Jürgens­sens Bilder präsentieren sich als komplexes Amalgam aus forma­listi­scher Abstraktion und surrealer Ikonografie: Bilder von Blumen, antiken Statuen und weibli­chen Figuren treffen auf abstrakte, in der Dunkelkammer manipulierte Fotografien. Besonders offenkundig wird Jürgens­sens Inter­esse für den Formalismus der Moderne in Un­ti­tled (ph940) (1990), einem Diptychon mit Nahaufnahmen zerknit­terten Stoffs. Diese Stofffotografien, gerahmt von anderen Textilien, sind schnell als Kommentar auf die modernisti­sche Ausein­andersetzung mit Selbst­referen­zialität zu erkennen. Three Jumping Men (ph939)(1988) wird als Triptychon von der Farbfotografie eines klas­si­schen Männ­er­t­orsos, einer fast schon abstrakten Doppelbe­lich­tung, auf dem ein krypti­sches Diagramm und trai­nierende Männer zu sehen sind, sowie einer weiteren Farb­aufnahme eines Steinfußbodens mit einem schwarzen Kreuzmuster gebildet. In der Kombi­nation wirkt diese Arbeit wie ein humorvoller Querverweis auf den russi­schen Konstruktivismus oder die Arbeiten Kasimir Male­witschs. Werke wie diese zeugen vom tiefen Verständnis Jürgens­sens für die Traditionen des Formalismus und Konstruktivismus, aber auch von ihrer beein­dru­ckenden Beherr­schung einer surrea­listi­schen Bild­sprache.

Viele der in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten lassen eine hohe Affi­nität zur Kunst des frühen Bauhauses erahnen, als das Lager der Expressionisten und Surrea­listen mit dem der Forma­listen und Konstruktivisten um die stilisti­sche und ideo­logi­sche Vorherrschaft rang. Eine solche Lesart mag nicht so recht passen zur herkömmli­chen Rezep­tion ihres Werks, die Jürgens­sens Arbeits­weise umstandslos einer femi­nisti­schen Interpretation des Surrealismus und der Auslo­tung des „Fraus­eins“ zuordnet. Damit nicht genug: Dass die Künst­lerin sich in ihren Arbeiten fremde Bilder aneignet, kann auch dahingehend verstanden werden, dass sie mit anderen zeitgenössi­schen Debatten über Repräsentation und Originalität vertraut war – Anliegen, die man gemeinhin der Pictures Gene­ration zuschreibt.

Dass das Gros der Werke dieser Ausstellung zum ersten Mal öffentlich gezeigt wird, macht ange­sichts der Tatsache, dass auch sie nur Teil einer sehr viel umfang­rei­cheren Serie sind, einmal mehr deutlich, wie gewaltig und komplex Jürgens­sens Oeuvre ist und wie erschre­ckend wenig Beach­tung ihm zu Lebzeiten der Künst­lerin zuteil wurde. Darüber hinaus stellt diese Ausstellung auch die Verengung der gegenwärtigen Rezep­tion ihres Werkes auf einen Gender-Aspekt in­frage. Denn an der gezeigten Serie lässt sich Jürgens­sens forma­listi­sches Inter­esse an Mate­rialien und Verfahren ebenso erkennen wie ihre Vertraut­heit mit skulptu­ralem Arbeiten oder ein Verständnis für Fragen zeitgenössi­scher ästhe­ti­scher Diskurse auch jenseits ihres unmit­telbaren Umfelds in Österreich. 
Übersetzt von Michael Müller