Bis ans Ende der Welt und über den Rand – mit Adolf Wölfli

Museum Villa Stuck München
29.04.21 bis 25.07.21

Die Ausstellung „Bis ans Ende der Welt und über den Rand – mit Adolf Wölfli“ berührt Themen des Mensch-Seins: Weltenschöpfung und Erlösung, Vision
und Utopie, Missbrauch und Versöhnung, Sinn und Wahnsinn. Auf mehr als 25.000 Seiten verknüpft der Künstler und Weltenschöpfer Adolf Wölfli (1864–1930) Zeichnung, Dichtung und Komposition zu einem inspirierenden Gesamtkunstwerk. Auf zwei Etagen der historischen Künstlervilla Franz von Stucks wird eine Auswahl von 70 Arbeiten von Adolf Wölfli aus der Sammlung der Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern, gemeinsam mit 70 Werken weiterer Weltenschöpfer präsentiert, u.a. Arbeiten von  Hans (Jean) Arp, Joseph Beuys, William S. Burroughs, VALIE EXPORT, Anselm Kiefer und Constance Schwartzlin-Berberat.
Das Projekt „Bis ans Ende der Welt und über den Rand – mit Adolf Wölfli“ vereint Ausstellung, Forschung und Experiment. Es will inspirieren, verzaubern und ver-stören. Zugleich liegt dem Projekt eine gesellschaftspolitische Frage zugrunde – es kritisiert den Begriff „Outsider-Art“. Auch heute noch werden Künstler*innen, die wie Adolf Wölfli in psychiatrischen Einrichtungen lebten bzw. leben, als „Outsider“ und deren Werke als „Outsider-Art“ bezeichnet. Adolf Wölfli war Künstler und er sah sich als solcher. Kunst hat die Kraft, Gegensätze zu vereinen und Veränderungen in Gang zu setzen. Sie kann Grenzen überschreiten, ermöglicht Selbsterkenntnis und macht Kategorisierungen überflüssig. Der aktuellen politischen Diskussion zu „Inklusion“ und „Integration“ fehlt häufig die Grundlage: ein von Gleichheit geprägter Blick auf das Gegenüber. „Bis ans Ende der Welt und über den Rand – mit Adolf Wölfli“ transportiert die Kraft der Kunst, Menschen zu berühren, eingefahrene Denkmuster zu überwinden und stellt Fragen zu Gleichheit, Freiheit und Gleichberechtigung. Es gibt keine „Outsider-Art“. Es gibt nur Kunst! mehr

Alle in der Ausstellung vertretenen Künstler*innen überschreiten gesellschaftliche, politische oder persönliche Grenzen. Sie verbinden scheinbar Gegensätzliches und setzen damit die Kraft frei, eingefahrene Denkmuster zu überwinden. Die Erfahrung von Ausgrenzung, Benachteiligung, Unterdrückung, Krankheit und Kriminalität ist der Ausgangspunkt für produktive Grenzüberschreitungen, die sich einerseits in visionären, andererseits in ganz realen, auf das Leben in der Gesellschaft übertragbaren Formen manifestieren.

Adolf Wölfli überträgt in seinem künstlerischen Werk seine eigene Biografie, die eng mit der Erfahrung von Armut, Ausbeutung und dem Missbrauch anderer verknüpft ist, in eine imaginäre, glorreiche Weltenschöpfung – die „Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung“. Kunst und Leben sind im Werk Adolf Wölflis untrennbar miteinander verbunden. Es entsteht ein großangelegtes Geflecht aus Prosa, Poesie, Lautmalerei, Tabellen, Zahlen, Zeichnungen, Collagen und musikalischen Kompositionen.

Die Ausstellung vereint Werke aus allen Schaffensphasen von Adolf Wölfli, beginnend mit den ersten erhaltenen Zeichnungen von 1904 bis hin zu Zeichnungen und Collagen aus dem „Trauer-Marsch“ von 1928 bis 1930, Adolf Wölflis unvollendetem letzten Werk. Wölflis Nachlass, der sich in fünf Teilwerke gliedert, umfasst insgesamt 45 große, von ihm selbst gebundene Hefte sowie 16 Schulhefte mit einem Umfang von insgesamt über 25.000 Seiten. Darin eingebunden sind über 1.600 Zeichnungen und 1.600 Collagen, die heute als Einzelwerke präsentiert werden.

Zu den in der Ausstellung vertretenen Grenzgänger*innen zählt auch Joseph Beuys. Von ihm ist die Bewerbungsmappe zu sehen, mit der er sich 1961 an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf für eine Professur bewarb. Das Lehren an der Akademie war ein wichtiger Bestandteil seines „erweiterten Kunstbegriffs“ und bot eine Grundlage für die „Soziale Plastik“.

Eine Sektion der Ausstellung beschäftigt sich mit dem Frauenbild bei Adolf Wölfli. Bis heute ist die Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft nicht erreicht. Die Ausstellung präsentiert u.a. großformatige Werke aus der Serie der „Körperkonfigurationen“, aus den Jahren 1972 bis 1976, von VALIE EXPORT. Sie zählt zu den Pionierinnen feministischer Kunst.

Speziell für die Ausstellung „Bis ans Ende de Welt und über den Rand - mit Adolf Wölfli“ baut das Museum Villa Stuck eine Traummaschine. Die „Dreamachine“ wurde Ende der 50er Jahre gemeinsam von den Beatniks Brion Gysin und Ian Sommerville entwickelt. Die „Dreamachine“ gibt dem Publikum in der Ausstellung die Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten – selbst einen neuen Bewusstseinszustand zu erfahren.

Die ausgestellten Objekte umfassen die Bereiche Zeichnung, Fotografie, Malerei, Skulptur, Literatur, Film und Musik. Die mit Bleistift bzw. Farbstift auf Papier gearbeiteten, großformatigen Blätter von Adolf Wölfli sind sehr fragil und lichtempfindlich. Deshalb werden die Exponate bei reduzierter Lichtstärke gezeigt.

Künstler*innen der Ausstellung:
Adolf Wölfli und Ariana-Maler, Hans (Jean) Arp, Antony Balch, Georg Baselitz, Joseph Beuys, Ernst Bollin, Christian Boltanski, Bertolt Brecht, Udo Breger, William S. Burroughs, Oskar Büttikofer, Henning Christiansen, Erich Engel, VALIE EXPORT, Charles Gatewood, Fritz Getlinger, Brion Gysin, Anselm Kiefer, Johann Lang, Meret Matter, Patti Smith, Ian Sommerville, Constance Schwartzlin-Berberat, Franz von Stuck, Johannes Stüttgen, Karl Valentin, Klaus Wyborny u.a.

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