Einsam sind alle Brücken. Birgit Jürgenssen und Cinzia Ruggeri

Curated by Maurizio Cattelan und Marta Papini
Galerie Hubert Winter
26.06.21 bis 28.08.21

Birgit Jürgenssen (1949–2003) und Cinzia Ruggeri (1945–2019) haben sich niemals getroffen – zumindest nicht in dieser Welt – dennoch standen sie immer im Austausch. Die Ausstellung, die zum ersten Mal einen Dialog zwischen den beiden Künstlerinnen eröffnet, entlehnt ihren Titel einem Gedicht Ingeborg Bachmanns. Die Ufer eines Flusses waren keiner von beiden genug. Beide bewegten sich jenseits der geographischen Grenzen der Kunst, erkundeten fremde Küsten und bauten sich fehlende Brücken selbst.

Ihr Werk spricht dieselbe Sprache: jene des Ornaments und Accessoires als Erweiterung des Körpers, als Mittel um Raum zu erobern und das Selbst zu affirmieren. Was folgt ist ein Transkript dessen, was beide zueinander sagten.

Cinzia Ruggeri (C). Ich liebe Freiheit und hasse Vorurteile, ich wollte einfach nur mich selbst und meine Ideen in einem freien Umfeld und auch in unbekannten Feldern ausdrücken und Menschen zum Lächeln bringen. Schau, selbst Tischtücher, mit ihren symmetrischen Drucken, Mustern und Stickereien irritierten mich. mehr

Birgit Jürgenssen (B.) Ich nahm mir die Freiheit mit verschiedenen Medien zu arbeiten, unabhängig vom Markt und von Gedanken über den Verkauf meiner Arbeiten. Wollte ich etwas Bestimmtes zeichnen, dann machte ich es meist zuerst als Objekt. Und wenn keines dieser Formate funktionierte, machte ich eine Fotografie davon. Es ist wirklich unvorstellbar, dass es mir für sehr lange Zeit beinah unmöglich erschien, Zeichnungen und Fotografien in ein und derselben Galerie zu zeigen.

C. Mode erlaubte mir die Geheimnisse ihrer Träger*innen zu erkunden – Bedürfnisse und Verlangen, Manien und Persönlichkeitsstörungen. Ich liebte diesen Aspekt von Mode, der ganze Sinn meines Werks lag ja nicht darin, endlos und bulimisch zu produzieren, sondern diese Themen mit behavioristischen Kleidungsstücken anzugehen und zu erforschen.

B. Ich suchte nach einem neutralen Objekt, zu dem jeder einen Bezug hatte. Schuhe erschienen mir als die geeigneten Gegenstände zum Ausleben meiner erotischen und zynischen Fantasien, aber auch aller anderen Interpretationen, die man ihnen angedeihen lassen kann. Schon als Studentin begann ich mich mit Schuhen zu beschäftigen. Es dauerte ein paar Jahre bis es mir auf die Nerven ging, immer „die Frau mit den Schuhen“ zu sein.

C. Sagen wir, dass ich Klischees und kodifizierte Regeln hasse. Wer bestimmt, dass der rechte Schuh identisch zum linken sein muss? Wenn ein Farbunterschied dabei hilft ein Kleid ausgewogen zu gestalten, warum nicht umsetzen? Ich kann keine kleinen Variationen setzen, ich bevorzuge radikale Interventionen.

B. Die Wiedergabe der Dinge selbst interessiert mich nicht. Ihr Faszinosum zeigt sich erst, wenn die Beziehungen, in denen sie stehen, zum Vorschein kommen.

C. Ob wir wollen oder nicht, Kleidung ist immer das gewollte Spektakel unseres Selbst.

B. Der Fetischismus, also die Besessenheit von Gegenständen, hat mich immer schon fasziniert, wie ja zum Beispiel an den Fotos mit den Zerrspiegeln aus den Jahren 1979 und 1980 deutlich wird, in denen man nur glänzend amorphe Ledergebilde erkennen kann. Diese Bilder drehen sich um das Objekthafte. Die Identität der Frau verschwindet, und was bleibt, ist das fetischisierte Objekt – die reine Form männlichen Wunschdenkens.

C. Errötet eine Frau, weicht ein Kleid diesen Transformationen des Körpers nicht aus, es bleibt nicht neutral.

B. Wie das Thema Frauen und Humor ist auch das Thema Frauen und Ironie immer noch ein ziemliches Tabuthema. Der Preis dafür ist, sehr oft nicht ernst genommen zu werden. Selbstironie ist für mich eine Form autobiographischer Strategie, ein Mittel um leichter ein subversives und dekonstruktives Potential zu entfalten.

C. Frauen haben Spaß daran meine Kreationen zu tragen: das Objekt-Kleid, vielleicht ironisch, ohne dabei zu viele Gedanken und unnötige Beziehung zum Gegenstand zu haben.

B. Ich habe immer gehofft, dass die Zeit auf meiner Seite sein wird und sich die Bedingungen für die Frauen in der Kunst verbessern würden. Schließlich wurde der Kunstbegriff durch Überschreitungen und den Gebrauch neuer Medien umdefiniert. Der Genderdiskurs besteht heute eben genau darin, Begriffe wie „typisch männliche“ und „typisch weibliche“ Kunst zu problematisieren.

 

Maurizio Cattelan ist ein Künstler und denkt, dass Definieren in der Limitation besteht, Marta Papini ist eine Kuratorin und denkt, dass es nichts Beständigeres als die Veränderung gibt.

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